Die große Kolonisation:
Die deutsche Kolonisation setzte mit ungeheurer Wucht um die Mitte des 13.Jhs., etwa gleichzeitig mit dem Regierungsantritt Ottokars II., ein. Doch war sie als soziale Bewegung damals bereits seit zwei Generationen im Gange. Als die erste deutsche Stadt wird man Prag bezeichnen dürfen. Die Prager Kaufmannsiedlung hatte seit 1178 jenes berühmte Privileg, das in dem Satz "Wisset, daß die Deutschen freie Leute sind" deutlich wird. Die Deutschen in Prag genossen besonderen Schutz, der ihnen bereits ein Jahrhundert zuvor zugesagt wurde.
In drei parallel laufenden Strömen erfolgte die deutsche Einwanderung: als städtische, als bäuerliche und als bergmännische.
Das Stadtrecht und die besondere städtische Lebensform, Freiheit und Selbstverwaltung der Bürger hat es in den Sudetenländern vor den deutschen Städtegründungen nicht gegeben. Als die ersten Stadtgründungen erfolgt waren, überboten sich die Grundherren gegenseitig im Eifer der Neugründungen, angetrieben auch durch das Beispiel der Krone. Ein so energischer, neuen Gedanken aufgeschlossener und ehrgeiziger Fürst wie Ottokar II. griff begierig nach Möglichkeiten, die sich ihm mit der deutschen Kolonisation boten. Er erblickte darin ein Mittel, den Adel zurückzudrängen und die finanzielle und politische Machtstellung des Königstums zu heben.
Aber auch die Städte selbst, die ein bäuerliches Hinterland wollten, riefen Kolonisten herbei und gründeten Dörfer. Es entstanden daher fast überall Gruppen von Städten und Dörfern, weshalb sich das deutsche Volkstum so rasch ausbreitete.
Nur wo schon zahlreiche tschechische Dörfer bestanden und ein Markt unter der Burg zur Stadt erhoben wurde, blieb die Umgebung slawisch.
Neben Prag und Brünn waren Freudenthal und Troppau die ersten deutschen Stadtgründungen. Sie fallen schon in den Anfang des 13.Jhs.. Unter Ottokar II. wurden Hohenmauth, Kolin, Melnik, Pilsen, Brüx, Kaaden, Budweis und zahlreiche andere Orte zu Städten erhoben, was jeweils mit dem Einzug deutscher Bürger zusammenhing.
Im Zusammenhang mit den Klostergründungen, von denen schon die Rede war, und mit den Bestrebungen der Landesfürsten, den Handel nach den aufblühenden Städten Frankens und der Mark Meißen zu erweitern, standen vermutlich die Stadterhebungen, Stadtgründungen und die Errichtung von neuen Dörfern im Gebiet zwischen der Elbe, dem Erzgebirge und der oberen Eger.
Budweis wurde zweifellos in bewußter Opposition des Königs gegen die überragende Stellung der Rosenberger gegründet.
Man kann wohl sagen, daß viele Städte und Dörfer entstanden, weil Adel und Geistlichkeit der wirtschaftlichen Vorteile willen nicht hinter dem König zurückbleiben wollten. Ein weiterer Faktor war der Bergbau. Es entstanden Bergstädte wie etwa Mies, Kuttenberg und Iglau.
Durch den Silberbergbau waren die Könige von Böhmen von der ursprünglich gebrauchten deutschen Münze, meist Regensburger Münze, unabhängig geworden. Neben dem Silber spielten aber die Buntmetalle eine große Rolle. Vor allem Zinn ist im Spätmittelalter als Gebrauchsmetall wichtig.
Wie sehr der Bergbau und die Bergstädte den Deutschen zu eigen war, zeigen die tschechischen Fremd- und Lehnworte, die bis ins 19 Jh. durch slawische Ausdrücke überhaupt nicht ersetzt werden konnten. So hieß Schacht - sachta, Schmiede - smitna.
Die Herkunft der deutschen Kolonisten läßt sich aus den Orts- und Personennamen oder der jeweiligen Spracheigenart erschließen. Man kann unterscheiden zwischen der vermutlich seit langem einsickernden Kolonisation von den Grenzen her, über den Wald hinweg, und der von weiterherkommenden, die neben den Anrainerstämmen noch andere deutsche Stämme ins Land brachte.
Nördlich des Gesenkes und an der Oderpforte, ebenso über das Riesengebirge, stießen zunächst Schlesier vor, die freilich ihrerseits bereits ein deutscher Neustamm (eine Mischung von Ostfranken und Thüringern, in geringen Maße Hessen und Rheinländer) waren. In das Olmützer Bistumsgebiet wanderten fränkische Siedler vom oberen Main und der oberen Saale ein, außerdem aber Niederösterreicher, deren Spuren sich bis an den Oberlauf der March verfolgen lassen.
Südmähren wurde von Niederösterreich, der Südzipfel Böhmens am Moldauknie und südlich Wittingau aus Österreich ob der Enns kolonisiert.
Zwischen dem Paß bei Furth und den Goldenen Steigen rückten seit den Zeiten des Eremiten Gunther über den Wald bayerische und oberpfälzer Siedler vor.
Auch das engere und weitere Egerland ist keineswegs nur von Ostfranken besiedelt worden, sondern hat, wie ja die eigenartige Mundart noch heute beweist, einen starken bayerischen und oberpfälzischen Einschlag.
Da über das Erzgebirge Markmeißener Obersachsen bis an die Eger vordrangen, mischte sich dieser Stamm etwa zwischen Duppau und Brüx mit den Ostfranken des Egerlandes, und auf dem linken Elbeufer jenseits des Passes von Kulm und Nollendorf mit Lausitzer Deutschen.
Nordböhmen hatte vorwiegend Lausitzer Siedler, deren rollendes R durch die Jahrhunderte ein unverkennbares mundartliches Kennzeichen geblieben ist; aber bis in die Gegend von Leipa reichten auch die Ausläufer der ostfränkischen bzw. egerländischen Siedlungen, denn sobald einmal eine Landschaft kolonisiert war, beteiligte sie sich selbst wieder an der Erschließung anderer Gegenden, was die Stammes- und mundartlichen Verhältnisse der Sudetendeutschen frühzeitig komplizierte.
Vollends schwierig war es bei den Bergstädten. Die Iglauer Sprachinsel zeigt bayerischen, aber auch sächsischen Einschlag. Die Bergknappen konnten eben nicht aus einer beliebigen Gegend geholt werden, sondern kamen in jedem Falle aus alten Bergbaugebieten, als welche man in Deutschland vor allem den Harz, in zweiter Linie den Nordwestabfall des Erzgebirges und schließlich Tirol (Schwaz) ansprechen kann.
Ebenso spielten die Beziehungen der Klöster zueinander, die Tendenzen der Orden und die Politik der einzelnen Äbte bei der Kolonisation eine Rolle. So entstand z.B. Hohenfurth 1259 als Tochterkloster des österreichischen Zisterzienserstiftes Wilhering, und Goldenkron ging auf Heiligenkreuz in Österreich zurück.
Auch neue Orden, wie sie die städtische Bewegung in Italien und Westeuropa hervorgebracht und gefördert hatte, tauchten frühzeitig in Böhmen auf. Um 1226 begegnen wir bereits den Dominikanern, einem typisch städtischen Orden, und wenige Jahre später den Franziskanern und Minoriten.
Wollen wir uns ein Bild sudetendeutscher Städte und Städtchen im 12./13. und 14.Jh. machen, so können wir von dem ausgehen, was bis in unsere Zeit erhalten war. Den Marktplatz säumten die vornehmen Häuser der wohlhabende Bürger, die eine Art Patriziat bildeten, an deren Häuser Braurecht und andere Privilegien gebunden waren.
Die Dörfer, die koloniale Neugründungen waren, hatten die Form von Straßendörfern. Wo aber ein früheres slawisches, vielleicht auch markomannisches oder keltisches Dorf Ausgangspunkt der Besiedlung bildete, waren auch Rund- und Haufendörfer vorhanden. Die Kirche stand oft auf erhöhtem Platz und spielte die Rolle einer Fluchtburg. Die Bauweise der Bauernhäuser hat sich von der deutschen Kolonisation bis zur Mitte des 19.Jh. kaum mehr wesentlich geändert. Die deutschen Siedler brachten aus ihren Heimatgebieten die dortige Bauweis mit, was sich in der Verschiedenheit der sudetendeutschen Bauernhäuser äußert. Mittelpunkt des wirschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Lebens waren die Städte für ihre unmittelbare und weitere Umgebung.