Böhmen als Herzland des Reiches:

Die politische Karte des 13.Jh. zeigt uns auf dem alten Reichsgebiet eine bunte, kaum überschaubare Fülle von kleinen und kleinsten Herrschaften: Herzogtümer, Grafschaften verschiedener Grade, Bistümer, Abteien, Reichsstädte, dazu die Gebiete des kleinen reichstädtischen Adels und reichsunabhängige Dörfer und Flecken in großer Zahl. Dagegen hatten sich, wie schon erwähnt, im Osten des Reiches große Territorien herausgebildet, unter denen Böhmen nicht nur dem Landbesitz nach das mächtigste war.

Die deutsche Kolonisation, die Erschließung der Silberfunde, die Stadtgründungen und nicht zuletzt der Reichtum an anderen Erzen ließen das Königreich Böhmen als das unbestreitbar bedeutenste Fürstentum im ganzen Reich erscheinen.

Unter dem Primisl Ottokar II. erstreckte sich die böhmische Königsmacht von der Ostsee bis zur Adria, während in Deutschland mit dem Ende des Kaisertums der Hohenstaufer das Interregnum, "die kaiserlose, die schreckliche Zeit" begonnen hatte. Mit dem Kaiser war auch das Recht geschwunden, das sich in ihm verkörperte. Sehr schnell entartete das Rittertum, das bis dahin Garant der abendländischen-christlichen Gesittung und Bildung gewesen war, zum verachteten und verhaßten Raubrittertum. In Ländern,die einen mächtigen Landesfürsten hatten, wie Böhmen und Österreich, wirkte sich das nicht aus. Die politisch zerklüfteten, kleinstaatlichen Gebiete West- und Mitteldeutschlands sehnten sich dagegen nach der oberstgerichtlichen kaiserlichen Gewalt. Auch das mag dazu beigetragen haben, daß die ostdeutschen Länder sehr rasch an politischem Einfluß gewannen.

Ottokar von Böhmen wäre nicht nur als der größte und reichste Fürst, nicht nur als der ranghöchste und mächtigste, der gegebene Kandidat für die Königs- und Kaiserkrone gewesen. Er war auch der Sohn einer staufischen Prinzessin, damit blutsverwandt mit dem letzten Kaiser. Da die Primisliden im Laufe der letzten Jahrzehnte jedoch Anhänger der kaiserlichen Partei waren, wenn sie auch nicht konsequent staufische Politik betrieben hatten, war Ottokar für den Papst und die kirchlich gesinnte Partei nicht annehmbar. Der Papst wollte auf keinen Fall einen starken deutschen König. Ottokar selbst unternahm aber auch keine sonderlich lebhaften Bemühungen, um Kaiser zu werden. Ihm war die Stärkung seines Königtums wichtiger.

Im Jahre 1273 wählten die deutschen Fürsten auf Betreiben der geistlichen Partei den Grafen Rudolf von Habsburg zum König.

Ottokar war dem Wahlakt ferngeblieben. Es bestand von Anfang an kein Zweifel, daß er in Opposition gegen den neuen König stehen werde. Seinem Wesen nach war Rudolf beinahe das genaue Gegenteil des Primisliden, der ehrgeizig, hochmütig, hart und oft maßlos, von gewaltigem Stolz auf seine Würde und seine Macht erfüllt war. Der um rund 12 Jahre ältere Habsburg war ruhiger Wesensart, hatte Sinn für das rechte Maß und dazu den weiten Blick des großen Staatsmannes. Als Ottokar die Wahl nicht anerkannte und beim Papst wie bei verschiedenen Reichsständen einen Protest betrieb, bereitete Rudolf die Gegenaktion vor und schritt zum Krieg. Im letzten Augenblick unterwarf sich der Böhmenkönig. Er gab die österreichischen Länder heraus, die er sich angeeignet hatte (Kärnten, Steiermark usw.) und nahm Böhmen und Mähren ordnungsgemäß vom Reiche zum Lehen.

Als er jedoch zwei Jahre nach seiner Unterwerfung auf kriegerischem Wege Österreich zurückgewinnen wollte, wurde er von Rudolf besiegt. Am 26.August 1278 starb Ottokar im Kampf auf dem Marchfeld.

Zunächst änderte sich wenig an den Verhältnissen in den Sudetenländern. Auch unter Ottokars Sohn Wenzel II. ging die Kolonisation weiter. Der deutsche Einfluß bei Hofe war stärker denn je, und der Zeitpunkt, zu dem Böhmen und Mähren deutsche Fürstentümer werden könnten, schien nahe zu sein. Doch machtpolitische Verschiebungen in den Anrainerländern wie in Polen und Ungarn und das Aussterben der Primisliden in Böhmen machten diese Hoffnung zunichte. 1307 starb Rudolf von Habsburg und es dauerte nahezu fünf Generationen, ehe das Haus Habsburg, das so glückhaft seinen Aufstieg begonnen hatte, mit den großen Plänen eines vereinigten Donaustaates wieder zum Zuge kam.

 

Das goldene Zeitalter Böhmens:

Mit Kaiser Heinrich VII. aus dem Hause der Luxemburger (oder Lützelburger) hatte Böhmen eine neue Dynastie, die immerhin 127 Jahre die Wenzelskrone trug. In seinem Enkel Karl von Luxemburg vereinigte sich das Blut Rudolfs von Habsburg mit dem seines großen Gegners Ottokar. 1346 wurde Karl der deutsche König Karl IV. und 1355 römischer Kaiser. Er machte Böhmen zum Kernland seiner Macht. Böhmens Stellung innerhalb des Römischen Reiches Deutscher Nation wurde durch das Nürnberger Reichsgesetz von 1356 (Goldene Bulle) genau umschrieben. Es hatte alle Rechte eines Kurfürstentums, stand dem Range nach an der Spitze der Kurfürstentümer, und bald bildete sich das Gewohnheitsrecht aus, daß der König von Böhmen einen Anspruch auf die römische Krone besitzt.

Die Kolonisation machte unter Karl weitere Fortschritte, doch rief er jetzt Männer von großem Wissen und besonderer Kunstfertigkeit. Handel, Gewerbe und Handwerk blühten. Die Hauptstadt Prag wurde durch Karl beträchtlich vergrößert und durch die Parler´sche Bauhütte geprägt. Peter Parler aus Schwäbisch Gmünd war Kirchen-, Burgen- und Brückenbauer, der weit über Prag hinaus wirkte. Zahlreiche Städte Böhmens und Mährens erhielten gotische Kirchen.

1348 gründete Karl IV. die erste deutsche Universität. Vier Fakultäten wurden geschaffen: Theologie, Jura (kanonische Recht), Medizin und Philosophie. Er berief den Schlesier Johann von Neumark als Reichskanzler, der die Grundlage für die neuhochdeutsche Schriftsprache schuf. Die erste Dichtung in dieser Sprache ist der "Ackermann aus Böhmen" von Johannes von Saaz. Als wenige Jahrzehnte später der Buchdruck entstand, war der "Ackermann aus Böhmen" das erste illustrierte und meist gedruckte Buch Deutschlands.

Beim Ende der Regierung Karls IV. 1378 waren Böhmen und Mähren nach zuverlässigen Berechnungen zur Hälfte deutschsprachige Länder. Die Sprachgrenze verlief im wesentlichen schon so wie in den späteren Jahrhunderten.

Karl IV. war einer der bedeutendsten Herrscher des Mittelalters und wohl der größte, der je die böhmische Krone trug. Er war hochgebildet und bewandert in den Wissenschaften seiner Zeit, der erste Herrscher, der seine Biographie selbst geschrieben hat. Als König von Böhmen war er Böhme, und das hieß damals ebensogut Deutscher wie Tscheche. Der Herkunft nach war er Deutscher, nach seiner Bildung eher Franzose, als Römisch-Deutscher Kaiser hätte er sich wahrscheinlich ebensogut einen Römer wie einen Deutschen nennen können. Man hatte in jenen Tagen keinen Begriff von den trennenden Merkmalen der Sprache und der Nationalität, sondern betonte weit eher das Bindende. In der Geschichte der Sudetendeutschen stellte seine Regierungszeit einen Höhepunkt und eine Blüteperiode dar.

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