Die Hussitische Revolution:
Nachfolger von Karl IV. war sein Sohn Wenzel - als König von Böhmen der Vierte, als Deutscher König als "der Faule" bezeichnet. Er war kein tüchtiger Regent, blieb dem Reich fern und wurde im Jahr 1400 von den deutschen Kurfürsten abgesetzt. Nach einer kurzen und recht kläglichen Regierungszeit des Wittelsbacher Ruprecht kam Wenzels jüngerer Bruder Sigismund auf den deutschen Thron.
Gleichzeitig mit Wenzels Regierung kam die Kirchenspaltung - ein Papst saß in Rom, ein anderer in Burgund - und damit ein Autoritätsverlust des Papsttums.
Vor diesem Hintergrund kam es zum Religionsstreit, der in Prag zu einem Nationalitätenstreit entartete. Da die hohe Geistlichkeit überwiegend deutsch war und die niedere, zum großen oder größten Teil tschechisch, wurde die reformatorische und revolutionäre Bewegung bald zu einer antideutschen, nationalistischen Bewegung, die auf die Universität übergriff. Die tschechischen Magister und Studenten sahen es ungern, daß sie an der Prager Universität eine Minderheit waren mit wenig Mitspracherecht. Und da inzwischen in Deutschland andere Universitäten entstanden waren - Wien, Tübingen, Heidelberg - erschien ihnen ihre Prager Universität als eine böhmische, ja als eine tschechische.
Johannes Hus aus Husinec (in Südböhmen) war Magister an der Universität. Er verfocht seit längerer Zeit schon die Lehren des Engländers John Wiclif. Er verteidige diese Lehre, die in Westeuropa kaum mehr eine Rolle spielte, wohl deshalb so leidenschaftlich, weil sie sich von der deutschen Reformbewegung unterschied. Denn auch von deutscher Seite wurde eine Reform der Kirche an Haupt und Gliedern gefordert. Aber Hus wollte nicht gemeinsam mit Deutschen auftreten, nicht gleiche Ziele wie sie anstreben. Ein glühender tschechischer Nationalismus, eine weitgehende Gleichsetztung der Religion mit der Nation, worin er ein Vorläufer der Nationalisten des 19.Jhs. war, kennzeichnete seinen Kampf. Er erwarb sich große Verdienste um die Höherentwicklung der tschechischen Sprache, um die Reform der Rechtschreibung, um die Literatur seines Volkes, aber der Haß gegen die Deutschen war immer wieder der entscheidende Antrieb seiner Handlungen.
Dabei hatte er das Ohr des Königs gewonnen, der meinte, wenn er sich dem tschechischen Nationalismus verschrieb, einen Trumpf gegen die Adelsparteien zu haben, die ihn schon zweimal gefangen genommen hatten. 1409 unterschrieb er das Kuttenberger Edikt, das die Tschechisierung der Universität besiegelte. Zahlreiche deutsche Magister und Studenten verließen Prag und bezogen die eben neu gegründete Universität Leipzig. Andererseits strömte alles was antipäpstlich gesinnt war, nach Prag. Das verschärfte die Gegensätze.
Inzwischen war es der geschickten Diplomatie und dem persönlichen Einsatz Kaisers Sigismund gelungen, in Konstanz ein Konzil der Abendländischen Kirche zu versammeln. Hus wurde vor das Konzil geladen mit der Zusicherung auf freies Geleit. Er mußte sich vor dem Konzil verantworten und seine Lehre rechtfertigen, was ihm jedoch nicht gelang. Obwohl Kaiser Sigismund immer wieder für ihn eintrat, wurde Hus als Ketzer verurteilt und am 6. Juli 1415 vor den Toren Konstanz dem Feuertode überantwortet.
Die Nachricht von Hussens Märtyrertod löste in Böhmen eine mächtige nationale Bewegung aus, deren sozialrevolutionären Motive immer stärker hervortraten.
Das slawische Volk, in dem sich seit 150 Jahren der Haß gegen die Kolonisten aufgestaut hatte, die zwar Wohlstand, Bildung und freiere Lebensart ins Land brachten, aber doch die besser Gestellten in allen Schichten waren, stand auf gegen die Deutschen und gegen jene Tschechen, die mit den Deutschen zusammengearbeitet, die sie ins Land gerufen, sie begünstigt, mit ihnen gemeinsame Sache gemacht hatten. Und Magister Johannes Hus wurde der Blutzeuge dieses Kampfes. Er war in einer deutschen Stadt von deutschen Richtern verurteilt, von deutschen Henkern verbrannt worden. Ein deutscher Kaiser hatte ihm das Wort gebrochen!
Die Hussitenkriege hatten 1419 ihren Ausgang in Prag, wo Hussiten die deutschen Ratsherren aus dem Rathausfenster in die Spieße der untenstehenden Menge warfen, und verbreiteten sich über ganz Böhmen und Mähren. König Wenzel erlitt angesichts des Fenstersturzes einen Schlaganfall und starb. Somit hatte Sigismund nach dem luxemburgischen Erbgesetz Anspruch auf die böhmische Krone. Er glaubte die rebellische Stadt mit Heeresgewalt nehmen zu können, scheiterte jedoch an der Verteidigungstaktik der Hussiten. Und auch in der Folge erlagen die Ritterheere aus dem Reich immer wieder den Hussiten. Städtische Kriegsknechte, geführt von tschechischen Landjunkern, hussitische Bauern mit Sensen, Dreschflegeln und Morgensternen bereiteten den bunt zusammengewürfelten Heeren Kaiser Sigismunds eine Niederlage nach der anderen. Erst am 30. Mai 1434 kam es bei Lipan (in der Nähe von Kolin) zur Entscheidungsschlacht, die den Weg zum Frieden freimachte.
Zeitweise hatten die Hussiten ihre Züge weit über Böhmen und Mähren hinaus ausgedehnt. Schlesien, Oberungarn, Österreich, die Oberpfalz, Franken, die Marken Meißen und Brandenburg waren Kriegschauplatz gewesen. Greuel geschahen auf beiden Seiten.
Die deutschen Städte Böhmens hatten unter dem Krieg schwer gelitten. Zwar war die Sprachgrenze nach den Hussitenkriegen kaum verändert, aber die Städt im Innern des Landes waren tschechisiert und zahlreiche im deutschen Randgebiet waren es auch. Die Sprache des Landtages und der landesfürstlichen Organe war das Tschechische geworden.
Der eigentliche Sieger in diesem blutigen Kampf war der Landadel, der die Macht des Königtums und der Bürger, seiner bedeutensten Gegenspieler, gebrochen hatte. Das gute deutsche Recht war überall harten Satzungen gewichen, die den Untertanen schwere Lasten auferlegten. Erst mit der Wiederherstellung eines starken Königtums unter den Habsburgern zog auch wieder größere Rechtssicherheit im Lande ein und die Lasten der Bauern wurden wieder ein wenig gemildert. Die wirtschafliche Blüte des reichen Böhmens war gebrochen.
König Sigismund überlebte den Frieden nur kurze Zeit. Nach 18 Jahren konnte er von seinem Königreich Böhmen Besitz ergreifen. Aber schon 1437 starb er. Der Erbe wurde sein Schwiegersohn Albrecht von Österreich, der jedoch schon zwei Jahre später ebenfalls starb. Die Kaiserkrone ging an die steirische Linie des Hauses Habsburg.
Der Staat des Adels:
Der frühe Tod König Albrechts II. von Österreich kam den adeligen Herren gelegen. In vollen Zügen genossen sie die Macht. Die Geschichte Böhmens von 1439 bis 1526 ist die Geschichte sich endlos hinziehender Königswahlen. Zahllos sind die Parteien, die sich im Laufe der Konflikte bildeten. Immer wieder kam es zu Bürgerkriegen; kein König war schwach genug, daß er den Wünschen der mächtigen Herren des Landes entsprochen hätte.
Die Krönung dieser Zustände war die "Landesordnung"vom Jahre 1500 (eine Art Landesverfassung), die sich gegen die Bauern, die Städte und weitgehend gegen die Gleichberechtigung der deutschen Bevölkerung richtete.
Seit 1440 ist der Habsburger Friedrich der III. deutscher Kaiser. Seine Erb - und Heiratsverträge legen den Grund zur habsburgischen Weltmacht. Sein Sohn Maximilian I. führt die habsburgische Familienpolitik fort. 1519 wird Karl V., Friedrichs Enkel, zum deutschen Kaiser gewählt, der seit 1515 Herzog von Burgund war. Mit seinem Erbe Spanien hat er ein Weltreich, in dem "die Sonne nicht untergeht".
1521 überträgt Karl V. seinem Bruder Ferdinand die Habsburger Erblande und begründet damit die österreichische Linie der Dynastie. Ferdinand heiratete Anna von Böhmen und Ungarn. Ein Erbabkommen ist mit der Heirat verbunden. Nach dem Tod eines polnischen Königs in Böhmen 1526 erhebt Ferdinand seinen Erbanspruch und vereinigt die Länder Böhmen, Ungarn, Kroatien und Österreich. Sie sollten es fast 400 Jahre bleiben. Damit waren auch die Sudetendeutschen in eine andere räumliche Beziehung gerückt.
Eine zweite folgenschwere Entwicklung hob um 1520 an. Die Reformation durch Luther in Deutschland! Und während die Deutschen lutherisch glaubten, fühlten sich die Tschechen mehr zur härteren, dem altkirchlichen Christentum absagenden Lehre Calvins hingezogen. Wieder war die Volksgrenze eine Glaubensgrenze. Aus Sachsen drang die Lehre Luthers in wenigen Jahren über das Gebirge in die böhmischen Bergstädte und ins Egertal. Auch in Nordböhmem verbreitete sie sich rasch. Von Schlesien aus griff sie nach Mähren hinüber.
Ferdinand hätte gern die Einheit der gesamten Kirche hergestellt, drang aber mit seinen Bestrebungen weder bei den Katholiken noch bei den Protestanten durch. Sein Sohn und Nachfolger Maximilian II. (1564-1576) war eigentlich Lutheraner und trat nur aus Rücksicht auf die spanischen Interessen seines Hauses nicht offen zum neuen Glauben über. Er begünstigte aber die Lutheraner, wo er konnte, nicht so die Calviner. Rudolf II. (1576-1612), der ihm auf den Kaiserthron wie in Böhmen folgte, war in Spanien streng katholisch erzogen, aber kein Eiferer und auch politisch zu schwach, die Reformation zu behindern.
Dagegen hatten die großen katholisch gebliebenen Adelsgeschlechter vor allem die Slavata, Lobkowitz, Liechtenstein, einiges für die Verteidigung der alten Kirche getan. Da die Überlegenheit der Protestanten nicht zuletzt auf ihrem ausgezeichneten Schulwesen beruhte, gründete man nun in Böhmen katholische Schulen. Die Jesuiten traten bald auf dem Gebiet der Erziehung in erfolgreiche Konkurrenz mit den Protestanten und waren in der zweiten Hälfte des 16. Jhs. die Vertreter moderner Lehren während die evangelische Lehre im Dogmatismus erstarrte.
Nun sandten auch protestantische Herren ihre Söhne in die Jesuitenschulen. In Komotau, Neuhaus, Krummau, entstanden Kollegien, die sich bald eines hohen Rufes erfreuten. Gegen Ausgang des 16. Jhs. hatte der Katholizismus in den Sudetenländern wieder die Macht.
Die Festigung der königlichen Macht unter den neuen Herren aus dem Hause Habsburg wirkte sich zugunsten der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung des Landes aus.
Rudolf II. war zwar ein schwacher Regent, aber eine geistig bedeutende Persönlichkeit. Er rief den Schwaben Johannes Kepler nach Prag. Dieser stellte die, dem Kaiser zu Ehren als "Rudolfinische Tafeln" benannten, Daten über den Umlauf der Planeten zusammen und schuf damit die Grundlagen der moderen Astronomie. Der Kaiser war ein leidenschaftlicher Sammler von Kunstgegenständen und trug aus Deutschland, Italien und den Niederlanden erlesene Stücke zusammen. Er war damit ein typischer Vertreter der bildungshungrigen Renaissance Europas.
Er hatte auch die Lust am Bauen, und er ließ die Burg Prags um den prächtigen Spanischen Saal erweitern. Nicht nur auf der Burg, auch in der Stadt selbst wurde viel gebaut, im Stil der Renaissance mit ersten barocken Ansätzen und zum Teil noch im Banne der späten Gotik. Einheimische und zugewanderte Künstler arbeiteten gemeinsam.
Eine Glanzzeit war die Epoche Rudolf II. auch für die Prager Judengemeinde gewesen. Zahlreiche Stiftungen, eine neue Synagoge, das jüdische Rathaus, ein Hospital, verdankten seiner Freigebigkeit ihr Entstehen.
1612 starb der menschenscheue Sonderling Rudolf II., nur noch Römischer Kaiser, aller übrigen Kronen beraubt. Die Brüder des Kaisers hatten befürchtet, daß die Nachgiebigkeit des Hauptes der Dynastie zu verderblichen Folgen führen könnten, und man hatte ihm eine Würde nach der anderen genommen. 1609 hatten ihm die böhmischen Stände noch den berühmten "Majestätsbrief" abgetrotzt, der ihnen Religionsfreiheit zusicherte.
Schon vor dem Tode Rudolfs II. hatten die böhmischen Stände seinen Bruder Erzherzog Matthias als König angenommen. Nun wurde er auch römischer Kaiser. Offiziell blieb Prag die Residenz. Tatsächlich hat Matthias schon in Wien residiert. Rudolf II. war der letzte römische Kaiser und der letzte König von Böhmen, der im Prager Dom seine Ruhestätte fand.
Der Dreißigjährige Krieg:
Er beginnt als Religionskampf und endet als europäische Machtauseinandersetzung. In ihm entladen sich die Spannungen zwischen katholischen und protestantischen Staaten, Landständen und Fürsten, Reichsstädten und Kaiser, Habsburg und Frankreich.
Nach dem Majestätsbrief war es den Protestanten in Böhmen erlaubt, auf königlichem Besitz Kirchen zu bauen. Sie behaupteten nun, daß auch erzbischöfliche Güter königlicher Besitz seien und errichteten in Braunau und in Klostergrab auf bischöflichem Besitz protestantische Kirchen. Das war zweifellos rechtswidrig und eine Herausforderung für die katholische Kirche. So kam es im Mai 1618 zum zweiten Prager Fenstersturz. Die protestantischen Standesherren waren auf die Burg gezogen und hatten die kaiserlichen Statthalter aus dem Fenster in den Burggraben geworfen. Dank des dort befindlichen Mistes kamen die kaiserlichen Räte mit dem Leben davon.
Als 1619 Matthias starb, kam es zur Bildung einer Ständeregierung, die den 23 jährigen Friedrich V.von der Pfalz zum böhmischen König wählten, obwohl der deutsche Kaiser Ferdinand II. Anspruch auf die böhmische Krone gehabt hätte. Bayern, Spanien und der Papst stellten Ferdinand tatkräftige Hilfe zur Seite. (Die katholische Liga.) 1620 standen sich die ständischen Truppen und die kaiserlichen Heere am Weißen Berg gegenüber. Die ganze Schlacht dauerte nicht mehr als zwei Stunden, dann war das ständische Heer besiegt. Friedrich floh nach Holland, und weil er nur einen Winter in Prag verbracht hatte, nannte ihn das Volk den Winterkönig.
Die Herrschaft der Stände brach wie ein Kartenhaus zusammen. Über Böhmen erging ein furchtbares Strafgericht mit Hinrichtungen und Enteignung, der Hälfte des adligen Grundbesitzes. Es traf tschechische und deutsche Adelige. Das ständische Regime wich einer straffen königlichen Verwaltung, die in der "Verneuerten Landesordnung" 1627 zum Ausdruck kam. Sie stellte den alten Zustand wieder her, nach dem Böhmen als ein Land zweier Völker mit zwei gleichberechtigten Landessprachen anzusehen war.Anders verhielt es sich auf religiösem Gebiet. Die Stände hatten ihren Aufstand unter der Fahne der protestantischen Forderungen durchgefochten. Sie rissen den böhmischen Protestantismus in ihre Niederlage mit hinein. Das traf nicht nur die tschechischen Reformisten, sondern in gleicher Härte die deutschen Lutheraner. Die Gegenreformation setzte rasch ein und leistete gründliche Arbeit. Es kam zu einer gewaltsamen Rekatholisierung, die Tausende von Menschen (deutsche und tschechische) zur Emigration zwang.
Die konfiszierten Güter der Rebellen verteilte Ferdinand II. an seine Anhänger.In wenigen Jahren zog ein neuer Adel ins Land, eine Herrenschicht, die bis zum Untergang des alten böhmischen Staates dessen Gesicht entscheidend mitbestimmen sollte.
Die Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges trugen dazu bei, die innere Wandlung des tschechischen wie des deutschen Volkes in den Sudetenländern zu beschleunigen. Die fremden Truppen - vor allem Sachsen und Schweden - aber auch die Wallensteiner, die das Land abwechselnd besetzten und aussaugten, wurden nun als eigentliche Feinde angesehen.
Das Land hat wie wenig andere unter den Plagen dieses großen Krieges gelitten. Kreuz und quer zogen die Heere von Freund und Feind durch die böhmischen Länder. Städte und Dörfer wurden in Asche gelegt, daß Vieh von der Weide und aus den Ställen weggetrieben, die Saaten verheert, die Bauernsöhne zum Militär gepreßt, der kleine Mann geschunden, aber auch Schlösser und Klöster geplündert und in Brand gesteckt. Zahlreiche Gotteshäuser wurden zerstört, was wohl eine der Voraussetzungen war, daß nachher das barocke Zeitalter das Gesicht des Landes völlig neu prägte.
In den meisten Gegenden herrschte Anarchie. Böhmen, das bei Beginn des Krieges etwa zwei Millionen Einwohner zählte, hatte bei Kriegsende nur mehr 600 000. Es gab kein Saatgut, der Viebestand war fast aufgebraucht, das Geld war entwertet.
Die Barockzeit:
Der Westfälische Friede in Münster 1648 beendete den Dreißgjährigen Krieg. Er schränkte die Macht von Kaiser und Reich auf ein Minimum ein und machte ausländische Staaten, wie Schweden und Frankreich, zu Garanten der "teutschen Libertät", also der schrankenlosen Souveränität der Landesfürsten. Das Reich löste sich in einen Staatenbund auf , der die politische und militärische Ohnmacht Deutschlands besiegelte. Die Wirtschaft Mitteleuropas lag darnieder. Währen die großen Seemächte ihre Kolonialreiche aufbauten, die Meere beherrschten und den überseeischen Handel monopolisierten, kam es in Mitteleurope zunächst zu einer Rückentwicklung, zu einer Erstarrung feudalistischer Wirtschafts- und Gesellschaftsformen. Die Zugänge zum Meer waren seit dem Westfälischen Frieden sämtlich in der Hand fremder Mächte. Das betraf auch Böhmen. An der Oder- und Elbemündung saßen die Schweden. Das wirtschaftliche und soziale Elend bedrückte die Deutschen nicht minder als die Tschechen. Glanz und Elend dieses Zeitalters wohnten dicht nebeneinander: auf der einen Seite die unvergleichlichen Leistungen der Architektur und Malerei auf der Kehrseite die Untertänigkeit und Robotpflicht der Bauern, oft bis zur Leibeigenschaft entartend, und das kümmerliche Dasein eines in bescheidensten Verhältnissen lebenden Bürgertums.
Die politische Führung und Kultur lagen in den Händen des Adels, dem bis auf ganz wenige Ausnahmen die höchsten Ämter vorbehalten waren. Noch immer regierten von Prag und Brünn, und ebenso von Breslau aus, vom Kaiser bestellte, aber aus der Aristokratie hervorgegangene Würdenträger die Königreiche und Kronländer. Dem Bewußtsein seiner bevorzugten Stellung, seiner Macht und Bedeutung gab dieser Adel Ausdruck in Bauaufträgen. Der Krieg hatte in den böhmischen Ländern die künstlerischen Denkmäler des Mittelalters weitgehend zerstört. Und sobald man wieder die Mittel dazu hatte - die feudale Ordnung gab sie den großen Grundherren im Überfluß in die Hand - konnte man von Grund auf neu bauen. Das ganze Land veränderte in diesen Jahrzehnten sein Gesicht, und so weit nicht das 19. Jh. durch die Industriealisierung abermals neue und oft entstellende Züge in das Antlitz der Sudetenländer eingezeichnet hat, blieb der barocke Charakter bis in unsere Zeit erhalten.
Das Zeitalter vollendete sich in der Heiligsprechung des Johannes von Nepomuk 1729, jenes Geistlichen, den König Wenzel foltern und in die Moldau werfen ließ. Bald stand das Bild des Heiligen, in Stein gehauen, auf allen Brücken, gab es eine Fülle von Kirchen zu seinen Ehren, war sein Name in den Adelspalästen wie in den Bauernhäusern verbreitet.