Aufbruch in die Neue Zeit:
Nahezu ein Jahrhundert lang hatten die böhmischen Länder Frieden (1648 - 1740). Wohl kämpften Truppen aus den böhmischen Ländern in den Kriegen des Kaisers gegen Türken und Franzosen (Ludwig XIV.). Aber die Kriegsschauplätze waren in jenen Jahrzehnten am Rhein und in den Niederlanden, an der Donau und an der Save, in Italien und in Spanien. Es war die Zeit in der Österreich zur Großmacht unter Leopold I. aufstieg. Seine großen Feldherren - Montecucculi, Karl von Lothringen, Ludwig von Baden und vor allem Prinz Eugen von Savoyen erfochten Sieg auf Sieg. Die große Wende erfolgte im Türkenjahr 1683, als die Streitmacht der Türken an den Hängen des Kahlenberges bei Wien geschlagen wurde.Damit wuchs für die Sudetenländer die Sicherheit gegen türkische Angriffe.
Als 1718 Prinz Eugen nach dem glänzenden Sieg bei Belgrad (1717) den Türken im Frieden von Passerowitz auch das Banat von Temesvar und neben Altserbien auch die Kleine Walachei abnahm, war die Grenze des Reiches so weit nach Südosten verschoben, daß sich die böhmischen Länder gegen die jahrhundertelang drohende Türkengefahr geborgen fühlten.
Zuvor war von 1686 bis 97 Ungarn befreit worden, und die Stände übertrugen die ungarische Krone dem Hause Habsburg. Das ist der Beginn der österreich - ungarischen Doppelmonarchie.
1711 wurde Karl VI. Kaiser diese Reiches. Er hatte jedoch keinen männlichen Erben. Daher drohte die eben aus Krieg und internationalen Verträgen entstandene österreichische Großmacht, die neben den Sudetenländern, Ungarn, Kroatien und "Innerösterreich" damals auch noch die "vorderösterreichischen" Lande in Schwaben und am Oberrhein, die "österreichischen Niederlande" (Belgien), in Italien Mailand, Mantua, Parma und zeitweise sogar Neapel und Sizilien umfaßte, zu zerfallen, wenn Karl VI. starb. So wird die Politik des Kaisers bestimmt durch die "Pragmatische Sanktion" (1713), die die weibliche Erbfolge sichern soll. Ihre Anerkennung in seiner europäischen Verwandtschaft durchzusetzen, hat der Kaiser keine diplomatischen Bemühungen und kein Opfer gescheut.
Die pragmatische Sanktion war jedoch nicht nur eine Regelung der Erbfolge, sondern auch die Voraussetzung dafür, daß die Länder, die von dem Hause Habsburg bisher unter verschiedenen Rechtstiteln und ohne eine staatsrechtliche Querverbindung zwischen den einzelnen Staaten des Reiches beherrscht wurden, nun zu einer Union, zu einem Gesamtstaat - untrennbar und unteilbar - vereint wurden. Jetzt erst traten auch die böhmischen Länder in ein nicht nur dynastisches, sondern auch staatsrechtliches Verhältnis zu den österreichischen und ungarischen, mit denen sie seit 1526 durch die Person des Herrschers verbunden waren.
Als Karl VI. im Oktober 1740 jedoch plötzlich verstarb, versagte die Pragmatische Sanktion als völkerrechtliches Instrument beinahe auf der ganzen Linie, denn der Erbfolgekrieg brach doch aus. Er dauerte von 1740-1748 und wurde durch den Einmarsch Friedrich II. von Preußen in Schlesien ausgelöst.
Die 23-jährige in politischen Dingen völlig unerfahrene und kaum unterrichtete Erbin Maria Theresia mußte sich dem stellen.
Doch abgesehen von dem für sie so schmerzvollen und für ihr Reich so folgenschweren Verlust von Schlesien an Preußen, hatte sie in dem 7 Jahre währenden Krieg gegen eine gewaltige Übermacht von allen Seiten (Sachsen, Bayern, Frankreich, Spanien, Italien) die Pragmatische Sanktion mit Erfolg verteidigt und den Gesamtstaat gerettet.
In der Folgezeit waren die Sudetenländer immer wieder Kriegsgebiet für Auseinandersetzungen zwischen Österreich und Preußen.
Die Teilung Schlesiens hatte auch für die Sudetenländer Folgen, denn dadurch entstand in den Ländern der böhmischen Krone eine tschechische Mehrheit. Darüber hinaus wirkte sich die Trennung von dem industriell hochentwickelten Schlesien, die völlige Lösung von der Oder und dem Ostseehandel auch wirtschaftlich hemmend aus.
Jedoch nicht nur die Kriege und Grenzverschiebungen haben in der Zeit Maria Theresias und in den folgenden Jahrzehnten der Regierung Josepf II. (1740-80;1780-90) die Voraussetzung für das Leben der Sudetendeutschen verändert. Auch die gesellschaftliche und geistige Verfassung der Volksgruppe wie auch der tschechischen Bevölkerung der böhmischen Länder erfuhr einschneidende Veränderungen. Die größte Reformära der sudet.Geschichte brach an. Der entscheidende Antrieb dazu kam aus der Gedankenwelt des "aufgeklärten Absolutismus", der das Zeitalter von 1740 bis zur Französischen Revolution bestimmte.
So wurde unter Maria Theresia die Steuerfreiheit des Adels begrenzt und die Steuerleistungen der Bauern und Großgrundbesitzer durch ein Kataster festgelegt. Kreisbehörden wurden geschaffen, die die Aufgabe hatten, gegen Mißbrauch der ständischen Vorrechte mit Strafen vorzugehen. Die Schule war nach Ansicht der Kaiserin ein "Politraum", d.h. eine Sache des Staates. Ein Werk von unabsehbarer Bedeutung war die Begründung einer wirklichen Volkschule. Damit wurde die Voraussetzung für das Wiedererblühen der Volkssprache geschaffen. Die deutschen Kinder lernten deutsch lesen und schreiben, die tschechischen erlernten ihre Muttersprache.
Hatte man in der Barockzeit am Wiener Hof vorwiegend spanisch und italienisch gesprochen und meist französisch geschrieben, so setzte sich nun das Deutsche durch. Das färbte auf den Adel ab, der nun begann, sich für die deutsche Literatur und deutsches Theater zu interesieren, aber auch das tschechische Schriftum zu fördern.
Joseph II., der Sohn Maria Theresias, forderte von seinen Beamten, daß sie deutsch sprachen, denn er wollte dem Gesamtstaat eine einheitliche, straffe zentralisierte Verwaltung mit einer deutschen Amtssprache geben. Konnte er die Bauern auch nicht ganz von Untertänigkeit und Lasten befreien, so hob er doch die Leibeigenschaft auf. (1781) Im gleichen Jahr wurde das Toleranzpatent verkündet, das zwar auch noch nicht die volle Gleichheit der Religionen und Konfessionen herstellte, aber den Protestanten und Orthodoxen den Genuß der Bürgerrechte und die freie Religionsausübung zusicherte.
Die Tschechen grollten dem Kaiser wegen seines Zentralismus und weil er die Wenzelskrone nach Wien gebracht und sich geweigert hatte, sich in Prag krönen zu lassen. Auch die anderen Staaten wehrten sich gegen die radikalen und überstürzten Reformen, die Joseph II., der bis 1780 Mitregent seiner Mutter war, zur Verwirklichung eines Einheitsstaates durchführte. Die Sudetendeutschen aber waren die begeisterte und treue Gefolgschaft Josephs. Denn erst die Bauernbefreiung, die allgemeine Volkschule, die Begründung des theresianisch-josephinischen Beamten- und Rechtsstaates, die Entwicklung des höheren Schulwesens öffnete so vielen deutschböhmischen, mährischen und schlesischen Bauern- und Bürgersöhnen die Tore in führende Stellungen, und erst das Toleranzedikt, mit dem der Geist der Duldsamkeit und der Gewissensfreiheit einzog, hat die Wunden vernarben lassen, die aus den jahrhundertelangen böhmischen Religionskriegen noch offen geblieben waren.
Waren die Sudetendeutschen in den vorangegangenen Perioden ihrer Geschichte fast ausschließlich auf kulturellem Gebiet tätig, so begann mit der Ära Maria Theresias und Josephs das Sudetendeutschtum auch auf dem eigentlichen Felde der Staatskunst geschichtsbildend zu wirken.
Die Gedanken der Aufklärung griffen frühzeitig von Leipzig, der blühendsten Handels- und Universitätsstadt Kursachsens, nach Böhmen herüber und fand Freunde und Anhänger unter den gebildeten Deutschen Böhmens. Leibnitz und Christian Wolff waren die Aufklärer des frühen 18.Jhs.
Die bedeutenste Persönlichkeit unter den Sudetendeutschen der theresianisch-josephinischen Zeit war wohl Karl Heinrich Seibt, der aus dem nordböhmischen "Niederland" stammte. Er wurde 1764 Professor an der philosophischen Fakultät zu Prag. Seine Bemühungen um ein sauberes Deutsch führte dazu, daß man die Hochsprache damals als "Seibtisch reden" bezeichnete.
Aus Nordböhmen stammte, wie Seibt, auch Ferdinand Kindermann, der in den siebziger Jahren Pfarrer in Kaplitz war und 1790, im Todesjahr Joseph II., Bischof von Leitmeritz wurde. Er hat auf dem Gebiet des Schulwesens, der Seelsorge, der Priesterbildung und sozialer Anregungen Bedeutendes geschaffen. Er wurde 1774 "Volkschul-Oberaufseher" (Landschul-Inspektor) von Böhmen. Unter seiner Amtsführung stieg die Zahl der Volksschulen von 1315 auf 2085. An 100 000 Schulkinder gab es nun schon in Böhmen. Kindermann strebte, wie er es nannte, die Industrieschule an und war hier ein Vorläufer Pestalozzis. Die gesamte theresianische Reform hatte diese Tendenz zum Praktischen. So wurde den Naturwissenschaften der Zugang zu den Lehrplänen der Schulen geöffnet. In Prag wurde die erste Technische Hochschule gegründet. Sein Schöpfer war der Mathematiker Franz Joseph Ritter von Gerstner.
Nicht so günstig wie den Wissenschaften und dem Erziehungswesen war die josephinische Ära den Künsten. Die große Kloster- Säkularisierung Joseph II. wirkte sich verheerend aus. Er strebte ein christlich liberales Staatskirchentum an. Rund 1300 Klöster wurden aufgehoben. Dadurch gingen viele kulturelle Werte verloren. Bei der Entrümpelung der Prager Burg, die man in eine Kaserne verwandeln wollte, wurden die Schätze, die Rudolf II. einst zusammengetragen hatte, verschleudert und gingen zum Teil ganz verloren. Da man schon in den Kriegen gegen Preußen manches von dem Kunstbesitz ins Ausland verkauft hatte, verlor Prag gegen Ausgang des 18. Jhs. seinen Rang unter den großen Kunststätten des Reiches. Viele deutsch-böhmische Künstler gingen damals ins Ausland. Nur auf dem Gebiet des Theaters und der Musik war das josephinische Prag führend. Prag wurde zur Mozartstadt. Mörikes Dichtung "Mozarts Reise nach Prag" legt davon Zeugnis ab.
1790 starb Joseph II.. Ihm folgte sein Bruder Leopold II., für den Mozart die Krönungsoper geschrieben hatte. Leopold, selbst ein aufgeklärter und modern denkender Monarch, aber von gesundem Hausverstand und mit dem Gespür für das Mögliche, beendete die Reformära Josephs II..
Viele der Reformen Joseph II. mußten zurückgenommen werden, da die Staatsvölker sich gegen die Mißachtung ihrer nationalen Traditionen und Sonderrechte wehrten. Ein Aufstand der österreichischen Niederlande endete in allgemeinen Unruhen, die auch auf Ungarn übergriffen und im Abfall der "Republik der vereinigten belgischen Provinzen".
Leopold II. beruhigte die Wogen des Aufruhrs und versuchte eben den Ausbruch eines Krieges mit dem revolutionären Frankreich (französische Revolution) abzuwenden, da starb er 1792. Ihm folgte der jugendliche Franz II.. Er sollte der letzte römische Kaiser sein. 1804 wurde er als Franz I. der erste Kaiser von Österreich.