Bohemismus und deutscher Volksgedanke:
Die politischen Ereignisse um die Jahrhundertwende, der Aufstieg Frankreichs, Napoleons Erhebung zum Kaiser (1804), der Untergang des römisch-deutschen Reiches (1806) und die Zerreißung und Unterdrückung Deutschlands rüttelte die Gemüter auf. Ein mächtiger Zug nationaler Leidenschaft ging durch Wissenschaft und Literatur.
Während der Kriege, die von den deutschen Staaten gegen Napoleon geführt wurden, war Böhmen das einzige Land des römisch-deutschen Reiches, das niemals von den Franzosen besetzt wurde, Prag die einzige deutsche Stadt, die Napoleon niemals betrat. Rings um Böhmen tobten gewaltige Kriege, wurden Schlachten von weltgeschichtlicher Bedeutung durchgefochten. 1805 stand Napoleon in Mähren, also in Böhmens Südostflanke, und die Entscheidung fiel in der Dreikaiserschlacht bei Austerlitz (1805) zwischen Franzosen einerseits und Russen und Österreichern andererseits. (Sieg Napoleons). Zu Preßburg wurde der für Österreich verlustreiche Frieden geschlossen.(Verlust von Venetien und Dalmatien an Italien; Tirol, Vorarlberg, Lindau an Bayern, Breisgau mit Konstanz an Baden und Württemberg). Im nächsten Jahr streiften die rechten Flügelmänner der napoleonischen Kolonnen in der Enge von Hof die Grenze des Egerlandes. Bei Jena und Auerstädt zerschmetterte Napoleon das preußische Heer. Über Berlin drang er weiter nach Osten vor. In Preußen und in Polen wurde gekämpft. Böhmen blieb unberührt.Als sich 1809 Österreich als erster Staat an die Spitze des Befreiungskampfes gegen Napoleon stellte, waren auch Soldaten aus Böhmen dabei. Bei Aspern erlitt Napoleon seine erste Niederlage, konnte aber sein geschlagenes Heer durch eine weitere Armee verstärken und schlug 6 Wochen später die Österreicher bei Wagram. Bei Znaim, an der mährischen Grenze fand das letzte Gefecht statt. Hier wurde der Waffenstillstand geschlossen. Österreich verlor seine Küstengebiete und war ein Binnenstaat geworden. Böhmen war noch immer vom Krieg verschont geblieben.
Prag und die drei böhmischen Bäder Karlsbad, Franzensbad und Marienbad wurden seit 1808 Treffpunkt der großen Welt und des deutschen Geistesadels. (Kleist, Goethe, Beethoven, Frh.v.Stein, Humboldt, Scharnhorst u.a.).
Als 1813, der wenige Monate zuvor vom russischen Winter und von den Scharen des Marschalls Kutusow fast vernichtete Napoleon, Preußen und Russen mit einem frischen Heer bei Großgörschen und Bautzen schlug und die deutsche Erhebung im Keime zu ersticken drohte, trat Österreich auf den Plan. Napoleon bequemte sich, auf Metternichs Verhandlungen hin, zu einem Waffenstillstand, den er als "die größte Dummheit meines Lebens" bezeichnete. Er machte halt an den Grenzen Schlesiens. Die einst Maria Theresia geraubte Provinz wurde nun durch Österreichs Dazwischentreten für Preußen gerettet. In Böhmen selbst wurde fieberhaft gerüstet, denn die Friedensverhandlungen in Prag scheiterten und Österreich trat wieder in den Krieg ein. In Nordböhmen sammelte sich die Hauptarmee der Verbündeten unter dem Kommando von Fürst Karl von Schwarzenberg. Über das Erzgebirge drang sie auf Dresden vor, erlitt hier durch Napoleon, der auf seinem Marsch gegen Schlesien kehrt gemacht hatte, noch einmal eine Niederlage, siegte aber wenige Tage später bei Kulm und Nollendorf und kreiste die französische Armee ein. In der Völkerschlacht, die zwischen dem 16. und 18. Oktober 1813 in der Leipziger Ebene tobte wurde Napoleon besiegt und mußte über den Rhein zurückgehen.
Das große weltgeschichtliche Drama hinterließ bei den Völkern des Landes Böhmen unvergeßliche Eindrücke. Der Nationalgedanke ließ die Herzen der Deutschen höher schlagen, und auch die Tschechen entwickelten ein nationales Bewußtsein. Hatte doch Johann Gottfried Herder (1744-1803) in seiner "Idee zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" niedergeschrieben, daß die Slawen die Träger der Zukunft seien, da sie die einzigen noch unberührten, ursprünglichen, naiven Völker seien, deren friedlicher Taubencharakter sie ein Jahrtausend lang zu Opfern des germanischen Eroberungsdranges gemacht habe. Die Slawen hätten nun die Mission, die Welt zu verjüngen, die an der übersättigten Zivilisation der müden, alten Kulturvölker des Westens unterzugehen drohe.
Dieses Slawenkapitel des großen Herderschen Werkes bewirkte, daß die slawischen "Erwecker" an die große Zukunft ihrer Rasse zu glauben begannen und sich in die Rolle von Welterlösern hineindachten. Es waren zuerst die kleinen slawischen Völker, Tschechen, Slowaken, Kroaten, Serben, Slowenen, bei denen Herders Botschaft auf fruchtbaren Boden fiel. Später aber griffen auch die Russen sie auf. Die Philosphie der "Slawophilen", wie man diese Richtung zunächst nannte, der Panslawismus, wie sie später hieß, haben von jenen Anregungen ihren Ausgang genommen.
Die böhmischen Adeligen standen zwischen den nationalen Bestrebungen. Ihr geistiger Führer, Kaspar Graf Sternberg, mit Goethe befreundet, hat sich selbst einmal als einen "deutschen Mann" bezeichnet, war zugleich aber von glühendem böhmischen Patriotismus erfüllt. Er wollte auch dem tschechischen Volk zum Bewußtsein seiner geschichtlichen Leistungen, seiner kulturellen Bestimmung und des Wertes seiner Sprache verhelfen und war Mitbegründer des "Vaterländischen Museums". Dieses wurde tatsächlich mit seinen Sammlungen, seiner Bibliothek und einer Zeitschrift der Mittelpunkt der tschechischen Nationalbewegung.
Mit dem Tschechen Franz Palacky, einem mährischen Protestanten, hatte das Museum einen überragenden Mann als Kusto. Wohingegen sein Nachfolger, Wenzel Hanka, eine fragwürdige Erscheinung war. Durch seine Fälschungen, die Königinhofer und die Grünberger Handschriften, die man zunächst als echt hinnahm, und durch seine sonstige Tätigkeit wirkte er in radikalnationalem Sinn für die Tschechen. Den nationalen Kreisen genügte aber das Museum bald nicht mehr, sie gründeten zur Pflege der tschechischen Literatur die Matice ceska (Böhmische Weiselwiege).
Es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß nicht nur die böhmischen Aristokraten, sondern auch die meisten jungen Schriftsteller der Sudetendeutschen, Männer bürgerlicher und kleinbürgerlicher, zum Teil jüdischer Herkunft, das tschechische "Erwachen" tatkräftig förderten, und zwar nicht im Sinne des konservativen böhmischen Landes-patriotismus, sondern mit deutlicher Betonung hussitischer Tendenzen und tschechisch-nationaler Bestrebungen. Hier überschnitten sich viele geistige Entwicklungslinien der Zeit nach 1815. Die Deutschen wie die Tschechen standen im Banne der Romantik, aber bei vielen Deutschen spielten auch schon die liberalen und demokratischen Gedanken des Jungen Deutschland eine Rolle. Die Opposition gegen das Metternichsche System und gegen die katholische Restauration machte sich in der Sympathie für den Hussitismus Luft. Während die Tschechen von Anfang an zielklar waren, herrschten bei den Deutschen widersprüchliche Einflüsse. Es gab unter den Sudetendeutschen noch eine sehr starke josephinische Tradition, die sich philosophisch mit den Ideen Immanuel Kants verband. Bernhard Bolzano, 1781, im Jahr des Toleranzpatentes , in Prag geboren und im Sturmjahr 1848 ebendort verstorben, war ein eifriger Interpret und Verbreiter der Kant´schen Philosophie, die auf dem Sittengesetz fußte, das die Achtung der Menschenwürde einfordert. 1810, nach dem Zusammenbruch des österreichischen Befreiungskrieges, hatte er in einer Schrift die Frage gestellt:"Was ist Vaterland und Vaterlandsliebe?". 1816 hielt er eine Rede über das "Verhältnis der beiden Volkstämme in Böhmen". Er war ein leidenschsftlicher Verfechter des Bohemismus und wollte gerade jetzt, da die beiden Volkstämme Böhmens eigene Wege gingen, ihre Verschmelzung aus staatspolitischen Erwägungen. Da er Österreich für verloren hielt und großdeutsche Gedanken ablehnte, blieb ihm nur die Hoffnung auf die Erneuerung einer einheitlichen "böhmischen Nation". Mit seiner Vorstellung eines böhmischen Staates, unabhängig von Österreich und Deutschland, war er beinahe ein geistiger Wegbereiter des Tschechoslowakismus.
Neben Kant wirkte auch bereits Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) auf die jüngere sudetendeutsche Generation ein. Vielfach verschlangen sich die geistigen Fäden.
Die katholische Restauration, die dem Josephinismus und der Aufklärung entgegenwirkte, hatte ihren Mittelpunkt in der Umgebung von Kaiser Franz.
Die deutsche Burschenschaft, 1817, auf dem Wartburgfest begründet, strebte eine Verbindung zu den Prager Studenten an. Und viele sudetendeutschen Studenten gingen nach Leipzig, das mit den Jahren ein Vorposten der jungen deutschböhmischen Nationalbewegung wurde. Die Slawen zog es zur gleichen Zeit weit mehr nach Jena, wo Slowaken, Kroaten und Serben sich trafen und gewissermaßen unter der Patronanz Goethes und in der Nähe von Herders Grab Verbindungen zwischen deutschem Idealismus, deutscher Romantik und slawischem Frühnationalismus knüpften. In Leipzig entstand in der Zeitung "Die Grenzboten" ein publizistisches Organ, das den Fragen der Ostdeutschen und Deutschösterreichs besonderes Augenmerk widmete. "Die Grenzboten" wurden zur Heimstätte für die jungen sudetendeutschen Schrifsteller, die sich in Leipzig niederließen oder auch von Prag und Wien aus mit dem Leipziger Blatt korrespondierten.
Die Enttäuschung darüber, daß man sie in der hausbacken-bürokratischen Welt des österreichischen Biedermeier nicht sonderlich förderte, mag bei vielen sudetendeutschen jungen Schrifstellern den Schwenk zum Radikalismus gefördert haben.
Mit zwei Männern jener Zeit aber traten die Sudetendeutschen wirklich in die Weltliteratur ein:
1. Karl Postl, 1793 in Poppitz bei Znaim geboren, wanderte nach Amerika aus und schrieb dort unter dem Pseudonym Charles Sealsfield Romane, die zu den bedeutensten Werken des aufkommenden Realismus gehören.
2. Adalbert Stifter, der 1805 in Oberplan geboren wurde. Er nimmt in der deutschen Literatur eine einzigartige Stellung ein. Zum Unterschied von den meisten Sudetendeutschen seiner Zeit war er ein unbedingter Parteigänger des übernationalen Staatsgedankens, ein entschiedener Gegner aller nationalistischen und demokratischen Leidenschaften, aber auch bei aller Frömmigkeit und konservativen Haltung freiheitlich im Sinne des Josephismus (christl. liberales Staatskirchentum).
An Persönlichkeiten wie Postl und Stifter zeigt sich der ungeheure geistige Spielraum, den die sudetendeutsche Landschaft bot.
In den Jahren des nationalen Erwachens, das bei den Tschechen jäh und stürmisch erfolgte, bei den Sudetendeutschen ein langsames und unentschlossenes Abtasten neuer Wirklichkeiten war, begann auch die Universität eine größere Rolle zu spielen. Sie war Bildungstätte für die tschechischen und deutschen Studenten. Es gab nationale Tschechen, Deutschnationale, Bohemisten und zwischen diesen Gruppen viele unklare Köpfe, die ihren Standort meist erst mit dem Entscheidungsjahr 1848 fanden. Es kam zu einer zunächst rein geistigen Auseinandersetzung.
Volkserhebung und Völkerfrühling:
In der zweiten Hälfte der vierziger Jahre des 19.Jhs. mehrten sich die Anzeichen einer nahenden Revolution.
- Der Schweizer Sonderbundkrieg (1847) drohte eine Zeitlang in einen europäischen Krieg überzugehen.
- In Frankreich wuchs die Opposition gegen das "Bürgerkönigtum".
- Italien war in dauernder Unruhe.
- Ungarn,das eine gewisse Sonderstellung in der Donaumonarchie hatte, rief immer lauter nach größerer staatlicher Selbständigkeit.
Allerorts gärte es. Wirtschaftskrise, Proletarierelend, Arbeitslosigkeit, Verschuldung des kleinen Bürgertums, Unzufriedenheit der Bauern, die sich durch die noch immer zahlreichen Robotpflichten bedrückt fühlen, rollten ein Fülle von Fragen auf. Metternich war alt und starr geworden, er ließ alles an sich herankommen, meditierte sehr klug über die Gefahren, die dem monarchischen Europa drohten, tat aber nichts, sie zu bekämpfen.
In Deutschland übernahmen die Professoren mit der geistigen auch die politische Führung der Nation. Die Professoren, meist Angehörige der Generation, die in den Freiheitskriegen gekämpft, die 1817 auf der Wartburg die Burschenschaft geründet hatte, setzten die deutsche Frage auf die Tagesordnung ihrer Versammlungen. Germanisten, Historiker und Rechtsgelehrte diskutierten die Reform des Deutschen Bundes und die neue Verfassung. Über den Leipziger Vorposten nahmen die gebildeten Kreise der Sudetendeutschen an diesen Bestrebungen lebhaft Anteil.
Im Februar 1848 brach das Bürgerkönigtum zusammen. In Paris rief man die Republik aus. Ehe das Jahr zu Ende ging, war Prinz Louis Napoleon Bonaparte, der Neffe des ersten Napoleon, Präsident der Republik, in einer Volksabstimmung mit großer Mehrheit gewählt und mit einer starken Autorität ausgestattet.
Die Februarrevolution in Frankreich hatte genügt, die europäische Staatenwelt in den Grundfesten zu erschüttern. In Wien und Berlin kam es zu Demonstrationen und Straßenkämpfen. In Italien und in Ungarn brach die Revolution aus.
Unter dem Druck der Volksbewegung trat Metternich am 13.März 1848 zurück.
Die Bewegung griff von Wien auf Prag über. Am 11.März fand eine Volksversammlung statt, an der Deutsche und Tschechen teilnahmen und gemeinsam demokratische und liberale, ja sogar soziale Forderungen aufstellten, ohne daß die nationale Frage noch eine Rolle spielte.
Es war vor allem die Frage, ob man die Frankfurter Nationalversammlung beschicken solle, an der sich tschechische und deutsche Ansichten im Frühjahr 1848 spalteten. Frantisek Palacky, der schon damals als Sprecher seines Volkes anerkannte tschechische Historiker, hatte einen Brief des Fünfziger Ausschusses, der das deutsche Parlament vorbereitete, erhalten. Darin wurde das tschechische Volk, unter Berufung auf seine tausendjährige Verbundenheit mit dem Reich der Deutschen zur Teilnahme an der ersten deutschen Nationalversammlung aufgefordert.
In seinem oft zitierten Antwortbrief beruft sich Palacky gegenüber dem historischen Recht auf das Naturrecht und läßt damit das Motiv jenes Selbstbestimmungsrechts der Völker anklingen, das im böhmischen Raum von nun an nicht mehr verstummen sollte. Ein halbes Jahr, bevor die Nationalversammlung selbst das kleindeutsche Programm entwickelt, 18 Jahre, bevor Bismarck es verwirklicht, umreißt Palacky das Konzept eines dualistischen Mitteleuropa, in dem die beiden Mächte Österreich und Deutschland, nebeneinander gleichberechtigt bestehen. Er fürchtet für den Bestand Österreichs. Wenn der Kaiser von Österreich kein wahrer Souverän mehr sein werde, sondern Befehle aus Frankfurt annehmen müsse, wenn er kein eigenes Heer mehr habe, dann werde er sich überhaupt nicht halten können.
Die Gefahr, die er dann heraufziehen sieht, ist keineswegs eine deutsche Vorherrschaft über Europa, sondern die russische "Universalmonarchie" . Gegen sie könne Europa nur durch einen "Völkerverein", ein starkes Donaureich, geschützt werden. Palacky stellt also das tschechisch-nationale Moment zurück und hebt die russische Gefahr hervor, die Tschechen wie Deutsche bedroht. Im Gegensatz zu den Männern der Frankfurter Versammlung hat Palacky, ausgehend von dem Interesse eines kleinen Volkes, gesamteuropäische Erwägungen in seine Betrachtung einbezogen.
Die Tschechen blieben also der deutschen Nationalversammlung fern. Die Sudetendeutschen entsandten 33 Abgeordnete nach Frankfurt. Der erste Riß in der böhmischen Staatsnation seit den Hussitenkriegen tat sich auf.
Im Juni 1848 wurde in Prag ein Slawenkongreß einberufen, wohl als Gegenzug gegen die Nationalversammlung. Er war im Grunde ein austroslawischer Kongreß, der nach Palackys Programm die österreichischen Slawen als Gesamtheit ins Spiel bringen und ihr Gewicht gegen die deutschen und Magyaren verstärken sollte. Während des Slawenkongresses kam es zu Unruhen und Gewalttaten durch radikale Tschechen, die Fürst Windischgrätz in wenigen Stunden niederschlug. (Die Frau von Fürst Windischgrätz, eine geborene Prinzessin Schwarzenberg, war durch eine verirrte Flintenkugel in ihrem Zimmer getötet worden.)
Im Sommer 1848 tagte in Wien der Reichstag, der Österreich eine neue Verfassung geben sollte. Bei diesem Reichstag wird auf Antrag des sudetendeutschen Bauernsohns Hans Kudlich das Gesetz zur Bauernbefreiung beschlossen, was nicht nur den deutschen Bauern sondern auch den tschechischen Bauern zugute kam. In erstaunlich kurzer Zeit wurden mehr als 2 1/2 Millionen Bauernstellen von allen grundherrlichen Lasten befreit und mehr als 54000 ehemalige Besitzer entschädigt.
Anfang Oktober 1848 brach in Wien erneut eine Revolution aus. Die radikalisierte Volksmenge wollte den Abmarsch der Truppen verhindern, die gegen die ungarische Revolutionsarmee kämpfen sollte. Die Wiener Revolutionäre bemächtigten sich der Herrschaft über die Stadt, der Kriegsminister Graf Latour wurde ermordet. Der Hof ging nach Olmütz, der Reichstag zog sich nach Kremsier (Mähren) zurück.
In Olmütz dankte am 2.Dezember 1848 der schwachsinnige Kaiser Ferdinand I. ab zugunsten seines Neffen. So wurde der erst 18 jährige Erzherzog Franz als Franz Josef I. zum Kaiser proklamiert. Am Allerseelentag hatten die Truppen Windischgrätz Wien erstürmt. Hart lastete die Faust der siegreichen Generäle auf der niedergeworfenen Haupstadt. Es kam wegen Teilnahme am Aufstand zur standrechtlichen Erschießungen des linksliberalen Politikers und Abgeordneten der Nationalversammlung in Frankfurt, Robert Blum aus Köln. Die Empörung darüber schlug in der Paulskirche verständlicherweise hohe Wellen.
An die Spitze der Regierung war Felix Fürst Schwarzenberg getreten, ein Staatsmann von kühner Entschlossenheit. Er hatte die Abdankung Ferdinands betrieben. In einem Aufruf des jungen Kaisers an seine Völker, den die Regierung verfaßt hatte, versprach der Monarch, an der konstitutionellen Staatsform festhalten zu wollen.
In Kremsier erarbeitete der Reichstag eine Verfassung, die eine in Gemeinden, national abgegrenzten Kreise und Kronländern gefaßte demokratische Selbstverwaltung und eine zwischen Monarch und Parlament geteilte Zentralgewalt vorsah. Der Kaiser lehnte sie jedoch ab und am 4.März 1849 wurde eine vom Kaiser oktroyierte "Gesamtstaatsverfassung" verkündet, die zwar zahlreich demokratische Gedanken des Kremsierer Entwurfes enthielt, wie etwa die Autonomie der Gemeinden. Aber es fehlte, obwohl die Gleichberechtigung der Nationen übernommen und auch auf Ungarn ausgedehnt wurde, doch das Instrument der national abgegrenzten autonomen Kreise. Vor allem fehlte der Verfassung die Sanktionierung durch die Völker, die allein ihr die nötige Festigkeit hätte verleihen können.
1851 wurde die Verfassung wieder aufgehoben, und der "Neoabsolutismus" in Österreich eingeführt.
Auf verschiedenen Gebieten war es eine Zeit fruchtbarer Reformen. Die Grundentlastung wurde durchgeführt, das Gerichtswesen reformiert, für die Entwicklung von Handel und Gewerbe wurde viel getan. Gerade die Sudetenländer zogen wirtschaftlich großen Nutzen aus dem Bau von Eisenbahnen, der Belebung von Bergbau und Industrie, der Schaffung eines freien Bauernstandes. Das liberale Bürgertum jedoch konnte die Niederlage von 1848/49 nicht so rasch verwinden. Verdiente Männer wie Kudlich mußten fliehen. Viele Achtundvierziger saßen in Haft oder mußten strafweise zum Militär. Die Zensur war drückend und erstickte jede freiheitliche Regung.
Das Konkordat, das der Kaiser 1855 abschloß, sicherte der Kirche wieder die Aufsicht über die Schulen. Nur die Universitäten blieben frei.
Seit dem Tode des Fürsten Schwarzenberg 1852 schwankte die Politik Wiens dauernd. Der eine Staatsminister wollte den Vielvölkerstaat zentralistisch regieren, der nächste föderalistisch, dann wieder liberal oder gemischt. In der Außenpolitik herrschte die gleiche Ziellosigkeit: Der alte Bundesgenosse Rußland war im Krimkrieg verlorengegangen, Frankreich hatte Italien geholfen, den Österreichern die Lombardei und die Toskana abzunehmen. Und der Staatsbankrott war nahe. So brach 1859 der Neoabsolutismus zusammen und der Kaiser kehrte zur konstitutionellen Regierungsform zurück.
Der Ausschluß aus Deutschland:
Wien konnte den Italienern ihre Einigung nicht verzeihen. So wollte man wenigstens mit Hilfe der Vorherrschaft im Deutschen Bund die deutsche Einigung verhindern. Deshalb bestimmte der Blick auf die kommenden deutschen Entscheidungen immer stärker die österreichische Innenpolitik. Ein "Verstärkter Reichsrat" aus Persönlichkeiten, die der Kaiser ernannte,sollte die neue Verfassung vorbereiten. Seine Arbeit war aber wenig ergiebig. Die Gegensätze zwischen Zentralgewalt, Reichsländern und Nationalitäten erschwerte die Verfassungsbildung. Da verlieh der Kaiser am 20.Oktober 1860 durch das "Oktoberdiplom" eine überstürzt ausgearbeitete föderalistische Verfassung. Die Slawen begrüßten sie. Das liberale deutsche Bürgertum lehnte sie ab, ebenso Ungarn, die man mit dem Diplom hatte versöhnen wollen. Damit verlor es seinen Sinn. Es ging nicht an, die Führung im Deutschen Bund für Österreich zu beanspruchen, im Kaiserstaat selbst aber mit den Slawen gegen die Deutschen zu regieren. So betraute der Kaiser den anerkannten Führer der zentralistischen, josephinischen und großdeutschen Richtung, Anton Ritter von Schmerling, mit der Führung des Staatsministeriums. Schon am 21.Februar 1861 wurde die neue Verfassung verkündet, das "Februar-Patent". Es trug den Wünschen der Deutschen weitestgehend Rechnung, wurde aber von den Ungarn, Kroaten, Tschechen und Tirolern boykottiert und der Reichsrat wurde nicht beschickt. Die Legislative wurde zwischen Krone und Reichsrat, der aus einem vom Kaiser zu berufenden Herrenhaus und einem Abgeordnetenhaus bestand, geteilt.
In Böhmen bildeten 70 Vertreter des Großgrundbesitzes, 15 der Handelskammern, 72 der Städte und 79 des flachen Landes mit den Inhabern der Virilstimmen (Bischöfe und Rektoren der Universitäten) den 241 Köpfe zählenden Landtag. Die 100 Mitglieder des mährischen und die 31 des schlesischen Landtages verteilten sich in ähnlichem Verhältnis.
Wertvoller als die Landesordnung, die das Verhältnis der Völker in den kommenden Jahrzehnten schwer belastete, war das Schmerling´sche Gemeindegesetz, das endlich eine weitgehende Gemeindefreiheit begründete, die allerdings nicht auf dem allgemeinen Wahlrecht, sondern auf der Selbstverwaltung der besitzenden Bürgerschaft ruhte. Besitzlose hatten kein Wahlrecht. Das entsprach dem Denken des 19.Jhs..
1862 wurde Otto von Bismarck preußischer Ministerpräsident. Schon als preußischer Gesandter hatte er beim Bundestag in Frankfurt den österreichischen Führungsanspruch bekämpft. Als Kaiser Franz Josef 1863 den Vorsitz des Fürstentages in Frankfurt übernahm, tat er es in der Hoffnung, an seinem Geburtstag, dem 18.August, zum Kaiser von Deutschland ausgerufen zu werden. Da aber auf Bismarcks ultimatives Drängen Wilhelm I., der König von Preußen, dem Fürstentag fernblieb, waren dessen Beschlüsse nicht mehr als ein Stück beschriebenes Papier.
Noch einmal kam es zu einer Annäherung zwischen Österreich und Preußen, als sie gemeinsam 1864 das Königreich Dänemark bekriegten. Dänemark wurde gezwungen die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg abzutreten. Wegen der Verwaltung von Schleswig durch Preußen (Lauenburg wurde ebenfalls Preußen überlassen) und von Holstein durch Österreich kam es zu dauernden Reibereien. Schleswig-Holstein war immer noch ein Herzogtum trotz der Besitzteilung. Nun verlangte Bismarck auch Holstein für Preußen. Österreich gab nicht nach und war bereit, es auf einen Krieg ankommen zu lassen. Angesichts dieser Gefahr wollte Kaiser Franz Josef wenigstens die Ungarn versöhnen. Doch das schien ein unlösbares Problem.
In Böhmen hatten sich die nationalen Gegensätze verschärft. Schon am 11. April 1861 hatte der Landtag den Kaiser gebeten sich zum König von Böhmen krönen zu lassen. In Tschechisch und Deutsch wurde die Bitte dem Monarchen vorgetragen. Er antwortete - ebenfalls in beiden Landessprachen - daß er fest entschlossen sei, sich in Prag krönen zu lassen. Das war die eigentlich letzte gemeinsame staatsrechtliche Kundgebung der beiden Völker.
1864 wurde das "Sprachenzwang-Gesetz" erlassen, das die Jugend beider Nationen zur Erlernung der anderen Landessprache veranlassen sollte. Den Dozenten an der Universität wurde es freigestellt, ob sie ihre Vorlesungen in Deutsch oder Tschechisch halten wollten, und den Studenten wurde erlaubt, Prüfungen in ihrer Muttersprache abzulegen.
Dem Krieg mit Preußen sahen Deutschösterreicher und Tschechen mit recht verschiedenen Gefühlen entgegen.Die Deutschen erhofften sich von einem Sieg über Preußen und der österreichischen Vorherrschaft in Deutschland eine Stärkung ihrer Stellung in Österreich. Die Tschechen wußten zwar um die Gefahr, die ihnen von der großdeutschen Idee drohte, für die Österreich 1866 focht, aber sie erwogen auch, daß der Sieg Preußens eine weit stärkere Zentralgewalt schaffen würde als ein Erfolg Österreichs.
Am 14.Juni 1866 fand in Frankfurt eine Bundestagsversammlung statt, auf der es zum großen Bruch kam. Es war die letzte Versammlung des Deutschen Bundes. Am nächsten Tag begann der Krieg. Daß Deutsche gegen Deutsche kämpften, verursachte weder den Deutschösterreichern noch den Preußen und den Deutschen im Westen des Bundes Schmerzen. Erst später sprach man wehmütig von einem Bruderkrieg. 1866 erschien es den Beteiligten noch selbstverständlich, daß man sich um die Führung in Deutschland mit der Waffe schlug.
Da man sich trügerischen Siegeshoffnungen hingab, fürchtete man in den Sudetenländern keine feindliche Invasion. Man nahm an, daß der Krieg auf preußischem Boden ausgetragen würde.
Doch Preußen griff von Schlesien und Sachsen aus mit drei Armeen Böhmen an. Die Elbarmee marschierte von Torgau über Dresden und Zittau, die Niederschlesische Armee von Görlitz über das nördliche Sudetengebirge und die Schlesische Armee von Landshut (Schlesien) und Glatz über die östlichen Sudeten.
Die Überlegenheit der preußischen Armee und die Genialität ihres Feldherrn Helmut von Moltke entschied den Krieg. Schon am 3.Juli 1866 kam es bei Königgrätz zur Entscheidungsschlach, der größten Schlacht des Jhs..
Bismarck beschwor den preußischen König Wilhelm auf militärische Ausnutzung des Sieges zu verzichten, und es kam zum Vorfrieden von Nikolsburg (70 km nördlich Wiens), dem am 23.August 1866 der Frieden zu Prag folgte. Und obwohl die Österreicher in Italien, das mit Preußen verbunden war, zunächst siegreich fochten, konnten sie die Provinz Venetien nicht halten. Sie mußte an Italien abgetreten werden. Von weiteren Gebietsverlusten blieb Österreich verschont. Aber Preußen gegenüber mußte Wien der Auflösung des Deutschen Bundes und der Gründung des Norddeutschen Bundes zustimmen.
Mit der Auflösung des Deutschen Bundes löste sich der letzte übernationale Bund auf. Damit zerriß das Band, das Böhmen mit dem Reich verbunden hatte.
Die Deutschen Österreichs waren nunmehr auf sich selbst gestellt.Es gab keine staatliche Bindung mehr zwischen Österreich und Deutschland, was zur Folge hatte, daß auch der Menschenstrom versiegte, der Jahrhunderte lang vom Rhein zur Donau nach den habsburgischen Ländern geflossen war. Noch unter Maria Theresia und Joseph II. hatte der "große Schwabenzug" die deutsche Besiedlung Südungarns ermöglicht, waren in Galizien zahlreiche deutsche Dörfer angelegt worden und im Buchenland (Bukowina - heute Rumänien) ein blühendes deutsches Bürgertum entstanden. Aus den "vorderösterreichischen" Gebieten an der oberen Donau und am Oberrhein kamen noch unter Franz Joseph,als diese Gebiete schon ein Menschenalter lang zu Baden, Württemberg und Bayern gehörten, Menschen nach Österreich. Nun hörte dieser Strom auf. Für die Sudetendeutschen hatte das eine doppelte Folge. Sie wurden gemeinsam mit den anderen Deutschösterreichern politisch geschwächt. Und das politische Leben in den Sudetenländern wurde immer provinzieller, da die Männer großen Formats nach Wien abwanderten. So führten Königgrätz und der Prager Frieden zu einer verhängnisvollen Schwächung der Volksgruppe und der deutschen Stellung in den Sudetenländern.
Hatte Kaiser Franz Joseph bis 1866 immer noch versucht, hauptsächlich deutsche Politik zu machen, so fehlte ihm jetzt der Rückhalt deutscher Staaten. Und dem Kaiser wurde klar, daß die Zukunft des Staates auf dem Balkan lag und daß das Kernproblem in der Einigung mit Ungarn lag.
So kam es zum Ausgleich mit Ungarn und zur Österreich Ungarischen Doppelmonarchie. Kaiser Franz Joseph war Kaiser von Österreich und König von Ungarn (Krönung 1867). Dieser Staat sollte 50 Jahre bis 1918 Bestand haben. Dabei waren beide Teile von vornherein durch viele Minderheiten belastet, deren Bevölkerungszahl zusammengenommen die des deutschen wie des ungarischen Staatsvolkes bei weitem übertraf. Die deutschen Gebiete Österreich, Tirol, Sudetenland und zahlreiche Sprachinseln waren nach Ausdehnung und Einwohnerzahl nur etwa ein Viertel des Ganzen.
Kaiser Franz Joseph war außerordentlich volkstümlich und in aller Welt hochgeachtet, doch ließ ihn das aufsässige, auseinanderstrebende Völkergemisch seines Lebens nicht froh werden. Daß der Staat trotzdem jahrzehntelang zusammenhielt, war hauptsächlich der Persönlichkeit dieses Kaisers in Wien zu verdanken. Seine Gemahlin war eine der schönsten Frauen ihrer Zeit, die bayrische Wittelsbacher Prinzessin Elisabeth, genannt "Sissi". Es war keine glückliche Ehe. 1898 wurde Elisabeth von italienischen Anarchisten in Genf ermordet. Neun Jahre zuvor 1889 hatte ihr Sohn Erzherzog Rudolf Selbstmord begangen und 1867 war der Bruder des Kaisers Maximilian in Mexiko erschossen worden.