Im Zeichen des Nationalitätenkampfes:

Es war für die Deutschösterreicher sehr schwer, sich an die 1866 geschaffene neue Lage zu gewöhnen, uralte Vorstellungen preiszugeben, sich mit dem Aufstieg und der Gleichberechtigung der kleineren Nationen abzufinden und zu bedenken, daß man eben durch die Trennung vom Reich innerhalb des Habsburgerstaates selbst ein kleineres Volk geworden war.

Die Sprecher der Sudetendeutschen waren zugleich die Führer der liberalen Bewegung. Der Kampf gegen den Klerikalismus, ja gegen die katholische Kirche überhaupt, gegen die Vorrechte des Adels und den Absolutismus stand für sie im Vordergrund. Sie erreichten die Abschaffung des Konkordats. Die Volkschulen wurden auf eine neue Grundlage gestellt, sowie die Bürgerschule eingeführt. Der Liberalismus wußte aber leider nicht die Bedeutung des Nationalitätenproblems zu erkennen.

Aus Furcht vor einer Stärkung der Slawen lehnten die Deutsch-Liberalen 1871 die "Fundamentalartikel" des böhmischen Landtags zum Ausbau einer autonomen Verfassung ebenso ab wie die Balkanpolitik der Monarchie.

Dabei war es abzusehen, wann die Tschechen stark genug sein würden, ihre zahlenmäßige Mehrheit mit vollem Gewicht in die Waagschale der Landes- und der Reichspolitik zu werfen. 1863 war der "Sokol" (Falke) gegründet worden, eine der deutschen Turnerei nachgebildeten völkischen Organisation, die später zu einer Art Volksarmee wurde. Auch die wirtschaftliche Entwicklung arbeitete für die Tschechen, ihr auf kleinbürgerlicher Grundlage aufgebautes Unternehmertum gewann langsam an Boden. Die Einwanderung tschechischer Arbeiter in die sudetendeutschen Randgebiete, durch zahlreiche völkische Schutzverbände gefördert, die Zurückdrängung des deutschen Bürgertums in den Städten Innerböhmens und Mährens, die nach und nach bis auf wenige Ausnahmen tschechisch wurden, der wachsende Einfluß tschechischer Verbände im Ausland waren bedrohliche Zeichen. 1882 wurde die tschechische Universität in Prag gegründet und ab 1883 haben die Tschechen die Mehrheit im Landtag.

Erst sehr viel später, als ihnen die Gefahren schon über den Kopf wuchsen, begannen die Deutschen ihre Schutzverbände, den "Bund der Deutschen" und den "Deutschen Schulverein" auszubauen. (u.a. wurde 1884 der Deutsche Böhmerwaldbund gegründet.) Aber sie erreichten nie die Stärke und hatten nie die finanziellen Mittel wie die tschechischen "Jednoty".

Als 1870 zwischen Deutschland und Frankreich der Krieg ausbrach, empfanden die Sudetendeutschen mit den deutschen Soldaten und waren begeistert von den glänzenden Siegen bei Wörth, Gravelotte und Sedan. Noch war da der Traum von der Vereinigung der deutsch-österreichischen Gebiete mit dem Reich. Bismarck jedoch dachte viel zu nüchtern und zu europäisch, als daß er solchen Plänen Raum gewährt hätte. Er nutzte die Gunst der Stunde für die Einigung Deutschlands. So wurde 1871 das zweite deutsche Kaiserreich gegründet und am 18.Januar 1871 der Hohenzollern Wilhelm I. zum deutschen Kaiser im Spiegelsaal von Versailles proklamiert.

Das Deutsche Reich war also wieder neu erstanden. Dazu gehörten auch Ostpreußen, Westpreußen, Posen und das Warteland. Doch Österreich, Tirol und Deutsch-Böhmen blieben außerhalb.

Seit 1871 bestanden nun in Mitteleuropa zwei deutsche Großmächte. Im deutschen Interesse, das die Erhaltung des europäischen Gleichgewichts forderte, trat Bismark für den Weiterbestand Österreich-Ungarns als Großmacht ein. Nur durch Österreich-Ungarn konnte die deutsche Südostflanke gesichert werden und eine russische Vorherrschaft im Donauraum verhindert werden.

Die Doppelmonarchie litt in erster Linie unter russischen und westeuropäischen Einwirkungen, welche die einzelnen Völker zu Aufständen ermunterten.

So kam Kaiser Franz Joseph aus den Sorgen nicht heraus. Sein Zwölf-Völker-Staat Österreich-Ungarn befand sich in andauernden Unruhen. Das kulturell führende Deutschtum war zahlenmäßig immer mehr in die Minderheit geraten. Das zeigte sich in der Besetzung der beiden Häuser des Reichsrates, der Vertretung der Völkerschaften. Die Ministerpräsidenten wurden mehrmals von Slawen gestellt, die dann die Interessen ihres Volkes vor die Reichsinteressen zu stellen wußten. Die Deutschen, die abgesehen von Österreich und dem Sudetenland im übrigen Land verstreut als Minderheiten lebten, wurden vielfach schwer bedrängt.

In Böhmens gemischtnationalen Gegenden und Städten führten Demonstrationen der einzelnen Nationalitäten fast immer zu blutigen Zusammenstößen. Die Staatsgewalt machte sich, wenn sie schlichten oder Gewalt verhüten wollte, bei beiden, unbeliebt. 1881 hatten jungtschechische Demonstranten deutsche Studenten in Kuchelbad bei Prag überfallen. Als "Schlacht von Kuchelbad" ging diese Schlägerei in die Geschichte ein. In den neunziger Jahren zählte man die Schlachten nicht mehr. Die Obstruktion (Verzögerungen von Parlamentsbeschlüssen) der Jungtschechen im Landtag war von lärmenden Ausschreitungen der Gasse begleitet. Meist richtete sich in Prag die Volkswut gegen die farbentragenden deutschen Studenten. Manchmal waren aber auch die Juden die Opfer. Ihrer deutschen Namen wegen und da sie der deutschen Kultur verbunden, auch im deutschen Liberalismus oft wort- und federführend waren, wurden sie wie die Deutschen geprügelt. Von 1893 bis 1895 war über Prag der Ausnahmezustand verhängt. Eine halb anarchistische, halb nationalistische Verschwörung, die "Omladina", wurde aufgedeckt. Panslawistische Kundgebungen waren an der Tagesordnung.

Als 1897 eine Sprachenverordnung von einem polnischstämmigen Ministerpräsidenten erlassen wurde, die die allgemeine Zweisprachigkeit des Gerichtswesens und des Behördenverkehrs anordnete, versuchten die fanatischen Tschechen in Böhmen, die zahlreichen Sprachinseln und sogar das rein deutsche Sudetenland zu tschechisieren. Es würde zu weit führen, im Einzelnen zu verfolgen, was sich nun abspielte. Es kam zu würdelosen Szenen im Parlament und zerstörte dessen Ansehen. Die Sudetendeutschen sangen, als man ihnen vorwarf, daß sie nach Deutschland "schielten", das Trutzlied:

Wir schielen nicht, wir schauen,

wir schauen unverwandt,

wir schauen voll Vertrauen,

ins deutsche Vaterland!

Auch die Slawenvölker, besonders die ehrgeizigen Serben, machten sich gegenseitig gleiche Schwierigkeiten. Die Lage in Wien wurde so bedrohlich, daß man stündlich den Ausbruch einer Revolution befürchtete, bis schließlich die verhängnisvolle Sprachenverordnung am 14.Oktober 1899 wieder aufgehoben und die deutsche Sprache abermals im ganzen Reich Amtssprache wurde. Nur langsam trat wieder Ruhe ein.

Die Sturmjahre brachten jedoch auch manch aufbauende Leistungen. 1894 war der Bund der Deutschen und die Nordmark Troppau gegründet worden. Seit 1891 bestand die Gesellschaft zur Förderung deutscher Kunst und Wissenschaft in Böhmen. 1903 wurde der Deutsche Volksrat ins Leben gerufen, der bis 1918 bestehen blieb und die deutschen Parteien zusammenzuführen vesuchte. 1895 gründete der Literaturhistoriker August Sauer die wertvolle Zeitschrift "Deutsche Arbeit".

Unter ruhigeren Verhältnissen bemühte sich der Ministerpräsident des Reiches um den böhmischen Ausgleich, aber nur in Mähren gelang 1905 der nationale Ausgleich. Dort wurde alles, was bisher zu Reibereien geführt hatte, beseitigt.

In Böhmen kam kein Ausgleich zustande. Die Tschechen waren durch den raschen wirschaftlichen und sozialen Aufstieg ein Volk von europäischer Bedeutung geworden. Die französische und englische staatswissenschaftliche Literatur beschäftigte sich mit ihnen. Zahlreiche junge Tschechen studierten im westlichen Ausland. Ein Politiker wie Thomas Masaryk hatte als Gelehrter und Publizist einen internationalen Ruf. Seine Bücher über die "Böhmische Frage", die "Soziale Frage", "Rußland und Europa" fanden starke Beachtung, auch in Deutschland. Er trat für einen Ausgleich von Volk zu Volk ein und sah in der Demokratie den Schlüssel zur Erneuerung Österreichs, dessen Bestand er ebenso bejahte wie einst Palacky. Der Großteil der tschechischen Parteien erklärte sich zu einer Verständigung bereit, bejahte den österreichischen Staat, steigerte seine Forderungen aber in dem Maße, in dem sich die internationale Lage des deutschen Volkes verschlechterte und die Bedeutung der österreichischen Slawen wuchs.

Als im Jahre 1907 das erste Parlament in Wien durch allgemeine und gleiche Wahlen gewählt wurde, ist die slawische Mehrheit im Reichsrat besiegelt (233 deutsche, 265 slawische Stimmen bei 28 Fraktionen).

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