I.Weltkrieg und Zusammenbruch:

In den Sudetenländern, vor allem in Deutschböhmen, hatten die Sozialdemokraten zahlreiche Sitze an die Deutschradikalen und an andere nationale Fraktionen verloren. Es wehte wieder der scharfe Wind des Nationalitätenkampfes, denn auch bei den Tschechen hatte der radikal-nationale Flügel starken Auftrieb erhalten. 1914 wurde der Reichsrat arbeitsunfähig, und die Regierung arbeitete wieder mit dem Notparagraphen 14 der Verfassung. Auch der böhmische Landtag war seit 1913 aufgelöst. Die Landesautonomie war durch kaiserliche Verfügung suspendiert, eine Verwaltungskommission nahm ihre Befugnisse wahr. Dagegen arbeiteten die Landtage in Brünn und Troppau trotz der nationalen Gegensätze ohne nennenswerte Schwierigkeiten. Der große böhmische Ausgleich war vertagt. Und vertagt waren in Österreich eigentlich alle wirklich politische Entscheidungen. Man wartete auf den Tod des greisen Monarchen und den Thronwechsel.

Auf den Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand, ein Neffe Kaiser Franz Josephs, richtete sich die Hoffnung aller, die von Österreich noch etwas erwarteten, die das alte Vielvölkerreich für erneuerungsfähig hielten. Franz Ferdinand sah das Grundübel des Reiches in der Vorherrschaft der magyarischen Herrenschicht. Sie sollten entmachtet werden durch die Einführung des allgemeinen Wahlrechts, das die Nationalitäten zur politischen Mitbestimmung heranziehen sollte. Sein Ziel war ein Reich mit kräftiger Zentralgewalt und einheitlicher Wehrmacht, in dem jedoch alle Völker gleichberechtigt sein und jedes einzelne ein hohes Maß von Selbstverwaltung genießen sollte. Er wollte die Habsburgische Monarchie in einen Bundesstaat mit eigenem Landesparlament in allen 12 Völkern umwandeln. Was er im gegebenen Fall wirklich unternommen hätte, wäre zweifellos durch die konkrete Machtlage bestimmt gewesen. Jene Österreicher, die in ihm einen mächtigen kommenden Kaiser sahen, hofften nicht auf sein Programm sondern auf seine Persönlichkeit. Die ihn haßten und fürchteten - das große Bankkapital, die liberale Wiener Presse, der ungarische Adel und die radikalen Nationalisten aller Völker - sahen die Gefahr ebenfalls in dem Mann und nicht in seinem Plan.

Außenpolitisch erstrebte der Erzherzog ein enges Zusammengehen der drei Kaiserreiche, Deutschland, Österreich und Rußland. Er hielt es für sinnlos, mit einem innerlich brüchigen Staat eine kriegerische Außenpolitik zu betreiben.

Bei einem offiziellen Besuch am 28.Juni 1914 in Sarajewo, der Provinzhauptstadt von Bosnien wurde Franz Ferdinand und seine Gemahlin (Gräfin Sophie Chotek) bei einer Fahrt durch die Stadt erschossen. Der Mörder war der zwanzigjährige Serbe Gavrilo Princip, der dem serbischen Geheimbund in Bosnien angehörte. Die Untersuchung ergab, daß eine ausgedehnte Verschwörung den Mord monatelang sorgfältig vorbereitet hatte.

Wien verlangte energisch von Belgrad Genugtuung und drohte am 23.Juli in Form eines Ultimatums mit Krieg, wenn die Untersuchung nicht sofort unter Mitwirkung österreichischer Kriminalbeamter auch in Serbien durchgeführt würde. Dort bejubelten die Zeitungen den Mörder als Freiheitshelden. Bosnische Polizei verhaftete einige der Hintermänner, die den gesamten Geheimbund verrieten. Daß der serbische König und auch sein Ministerpräsident hinter dem Mordplan standen, hatten die Geheimbündler nicht gewußt. Wäre das damals schon bekannt geworden, hätten alle Regierungen Europas eine Bestrafung Serbiens "völkerrechtsmäßig" anerkennen müssen.

Hinter Serbien stand die russische Regierung, die im Kriegsfall Unterstützung zusicherte. Paris und Petersburg gaben Serbien freie Hand.

Am 26.Juli wurde in Österreich die Teilmobilmachung der Armee verkündet, da Belgrad jede Mitwirkung Wiens zur Aufklärung des Mordkomplotts auf serbischen Boden ablehnte. Zwei Tage später, am 28.Juli 1914, erging die Kriegserklärung an Serbien. Der Konflikt weitete sich binnen weniger Tage zu einer europäischen Krise aus. Deutschland und England vermittelten, aber in Petersburg war man zum Krieg entschlossen.

Am 30.Juli verkündete Rußland die Generalmobilmachung. Am 1.August, 16.00 Uhr, folgte Frankreich, gleichzeitig das Deutsche Reich. Noch am selben Abend erfolgte die Kriegserklärung Deutschlands an Rußland. Am 2.August erklärte Deutschland an Frankreich den Krieg und begann am 4.August mit den Kampfhandlungen. Das nahm England zum offiziellen Anlaß, am 4.August an Deutschland den Krieg zu erklären.

Erst jetzt gab Österreich-Ungarn den Generalmobilmachungsbefehl.

In den sudetendeutschen Städten wurde der Ausbruch des Krieges vielfach mit einem Gefühl der Erleichterung begrüßt. Man meinte, daß der Krieg der einzige Ausweg aus der bedrückenden innenpolitischen Lage sei. Das eigene Volkstum, das man bedroht sah, werde durch einen siegreichen Krieg endlich jene Sicherheit gewinnen, nach der man sich seit langem sehnte. Das Gefühl, Schulter an Schulter mit den Deutschen des Reiches für die zum erstenmal wieder vereinigte deutsche Nation zu kämpfen, verstärkte noch die Begeisterung. Hoffnungsvoll zogen die Sudetendeutschen in den Krieg. Bald jedoch waren die Verlustlisten endlos.

Das tschechische Volk ging ohne Begeisterung in den Krieg. Weite Kreise im Hinterland, besonders die tschechische Intelligenz und einzelne proletarische Schichten sympathisierten mit den slawischen Brüdern in Serbien und Rußland. Große Teile des tschechischen Volkes verhielt sich abwartend und versuchte zwei Eisen im Feuer zu halten. Objektiv gesehen war diese Haltung der Tschechen zu verstehen. Sie mußten fürchten, daß die Niederlage der Russen und Serben, wie sie sich 1915 anbahnte und 1917 vollendet war, auch dem Austroslawentum schweren Abbruch tun werde. Sie nahmen an, daß ein Sieg des deutschen Reiches auch zu einer deutschen Vorherrschaft in Österreich führen werde.

Die Sudetendeutschen hatten es leichter. Sie kämpften, wenn sie sich für Österreich und den Kaiser schlugen, auch für die Sache des deutschen Volkes. Der Sieg Deutschlands mußte auch ein Sieg des deutsch-österreichischen Volkstums werden. Sie zeigten wenig Verständnis für die schwierige Stellung des Kaisers zwischen den Völkern, für die Notwendigkeit einer weitblickenden und auf nationale Gerechtigkeit gegenüber allen Völkern abzielenden Politik. Auch die deutschösterreichischen militärischen Führer hielten es für selbstverständlich, daß Tschechen, Polen, Slowenen und Ruthenen gegen Russen, ja selbst, daß Serben gegen Serben unter dem Doppeladler und für den Kaiser kämpften, hätten es aber als absurd angesehen, Deutschösterreicher gegen Deutsche aus dem Reich ins Feuer zu führen.

Diese tragische Verstrickung war kaum lösbar. Sie belastete auch die innenpolitische Diskussion über die Kriegsziele, die nach dem Thronwechsel wieder in Gang kam. Am 21.November 1916 war Kaiser Franz Joseph im Alter von 86 Jahren nach 68 jähriger Regierungszeit gestorben. Sein Nachfolger war Karl I., der Neffe des in Sarajewo ermordeten Erzherzogs Franz Ferdinand. Karl war 29 Jahre alt und nur ungenügend auf das Herrscheramt vorbereitet.

Im Frühjahr 1917 trat der österreichische Reichsrat wieder zusammen. Die Tschechen bekannten sich noch immer zur Dynastie, aber sie forderten ihr Staatsrecht. Die nationalen Konflikte legten das Parlament wieder lahm. Die Pläne des Kaisers, die auf die Föderalisierung Österreichs, mindestens auf die Bildung autonomer nationaler Einheiten abzielten, stießen auf den Widerstand der Deutschnationalen, ohne daß die Tschechen sich mit Nachdruck für die Krone eingesetzt hätten. Der Kaiser fand keinen Politiker, der ein Kabinett der Staatsreform auf parlamentarischer Grundlage bilden konnte oder wollte. Zu den Männern, die Kaiser Karl ins Auge faßte, gehörte damals auch der sudetendeutsche Politiker Dr. Rudolf Ritter Lodgman von Auen. Er hatte sich seit Jahren sehr entschieden für den Gedanken der nationalen Selbstverwaltung auf demokratischer Grundlage eingesetzt und war deshalb zeitweise als "Verräter" an der deutschen Sache hingestellt worden. Doch auch er konnte dem Monarchen nicht helfen, weil er keine parlamentarische Mehrheit für die Reform gefunden hatte.

Die innenpolitischen Pläne Kaiser Karls zerschlugen sich aber letzlich daran, daß seine Außenpolitik scheiterte. Bald nach seinem Regierungsantritt hatte er Geheimverhandlungen mit den Feinden begonnen. So glaubte er Österreich-Ungarn retten zu können, dessen Aufteilung ganz offiziell zu den erklärten Kriegszielen der Feindmächte gehörte. Diese reagierten auf Karls Anbiederung kaum mehr als spöttisch und hinhaltend, zumal dieser im eigenen Land nur mehr begrenzten Einfluß hatte. So verschrieb er sich auf Gedeih und Verderben der deutschen Politik, und Österreich wurde so in die deutsche Niederlage mit hineingerissen.

Zum Schluß dieses Kapitels muß noch die grauenvolle Hungersnot angesprochen werden, die gegen Ende des I.Weltkrieges im Sudetenland herrschte. Im ersten Kriegsjahr war die Versorgung noch einigermaßen erträglich gewesen. Man zehrte von den Vorräten. Die dann in aller Eile eingerichteten Zentral-stellen, die den Aufkauf und die Verteilung von Lebensmitteln hätten lenken sollen, waren den ungeheuren Anforderungen nicht gewachsen. Dazu kam, daß das reiche Ungarn seine Vorräte zurückhielt oder sie nur gegen politische Zugeständnisse verkaufte. Auch die tschechischen Gebiete lieferten so gut wie nichts an die staatlichen Stellen ab und betrieben einen schwungvollen Schleichhandel, während in den sudetendeutschen Randgebieten die Möglichkeit des Rückgriffs auf bäuerliche Reserven gering war, da die Bauern ihre Ablieferungspflicht zum größten Teil genau erfüllten. Selbstverständlich machte sich auch der Mangel an landwirtschaftlichen Arbeitskräften empfindlich bemerkbar. Ab 1916 nahm dann die Not bedrohliche Ausmaße an. Die zugeteilten Lebensmittel waren nicht nur mengenmäßig unzureichend, auch die Qualität wurde immer schlechter. Seuchen brachen aus.

Im Januar 1918 griff von Wien aus eine große Streikbewegung auf die Sudetenländer über. Sie hatte wesentlich politische Ursache, doch war die Not ein günstiger Nährboden für die sozialistische und teilweise bereits kommunistische Wühlarbeit.

Man kann die Katastrophe von 1918 kaum verstehen, wenn man sich nicht klar macht, daß sie über ein ausgeblutetes und ausgehungertes Land hereinbrach.

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