Der tschechoslowakische Staat:

Der 1918/19 aus Teilen des österreichischen wie des ungarischen Staates entstandene tschechoslowakische Staat war, politisch wie völkerrechtlich, ein neuer Staat.

Seine vielfältige nationale Zusammensetzung belastete ihn von Anfang an mit einer Reihe von nationalen Problemen, die sich alsbald zu Verfassungsproblemen verdichteten.

Für die westliche Staatshälfte wurde die sudetendeutsche, für die östliche die slowakische Frage die wichtigste.

Schon der Name des Staates verweist auf einen wesentlichen Zug des neuen Staatsgebildes, den man den tschechoslowakischen Dualismus nennen könnte. Die damit gegebenen Probleme werden sichtbar, wenn man daran erinnert, daß die westliche Staatshälfte (Böhmen, Mähren, Schlesien) als "historische Länder" zusammengefaßt - der Slowakei gegenüber gestellt wurde, die sich erst durch ihre Herauslösung aus dem ungarischen Staatsverband bildete und vorher jahrhundertelang ohne klares staatsrechtliches Dasein war.

Die Slowaken besaßen nicht die historische Rechtsbasis, die den Tschechen aus dem Erbe des alten Deutschen Reiches im staatsrechtlichen Rang der Länder Böhmen, Mähren und Schlesien zur Verfügung stand. Ihr Gebiet war im 19.Jahrhundert nicht als staatsrechtliche Einheit faßbar, wie etwa das "Königreich" Böhmen, die "Markgrafschaft" Mähren, das "Herzogtum" Schlesien, sondern nur als volklich abgrenzbare Einheit.

Diese Unterschiede in der historisch-politischen Entwicklung haben für den tschecho-slowakischen Staat eine fundamentale Bedeutung gehabt.

Jenseits dieses tschecho-slowakischen Dualismus wies die Zusammensetzung der übrigen Staatsbevölkerung, aus Deutschen, Magyaren, Karpato-Ruthenen und Polen bestehend, den neuen Staat soziologisch und politisch als Nationalitätenstaat aus.

Sein Schicksal war jedoch durch den Anspruch bestimmt, ein tschechischer, allenfalls ein tschechoslowakischer Nationalstaat zu sein.

Mit diesem Anspruch trat ein bisher dem böhmischen Raum fremdes Staatsprinzip auf. Eines der staatsrechtlichen Organisationsprinzipien der Habsburger Monarchie seit 1848 und besonders der österreichischen Reichshälfte seit 1867 war der Grundsatz der Gleichberechtigung der Nationalitäten (wenngleich auch seine Durchführung unvollkommen blieb). Die österreichische Reichshälfte war rechtlich und politisch ein Nationalitätenstaat, wenn auch mit einem historischen Übergewicht der Deutschen.

Der tschechoslowakische Staat und seine Verfassung setzte an die Stelle des Nationalitätenstaates den Nationalstaat. Dadurch waren völkerrechtliche Konflikte und Verwicklungen vorprogrammiert.

Die tschechische Auslandsaktion im Ersten Weltkrieg und die Entstehung des tschechoslowakischen Staates.

Der Beginn des Ersten Weltkriegs schuf die Möglichkeit, die bisher isolierten außenpolitischen Schritte der verschiedenen tschechischen politischen Richtungen in eine zusammenhängende Aktion zu verwandeln. (Die Sympathie der meisten Tschechen war während des Krieges auf der Seite der Feinde Österreichs und des Deutschen Reiches.) Nach mehreren Auslandsreisen im ersten Kriegsjahr beschloß Thomas Masaryk, einer der führenden Tschechen der damaligen Epoche, Österreich zu verlassen. Im neutralen Ausland hoffte er sein Ziel, einen unabhängigen tschechoslowakischen Staat, zu erreichen. Mit einer Rede zur 500. Wiederkehr des Todes von Jan Hus, die er in Genf hielt, eröffnete er den Kampf gegen das Habsburgerreich. Er war sprachenkundig, mit einer Amerikanerin verheiratet und mit vielen Gelehrten und Publizisten der westlichen Welt befreundet. Schon bald hatte er beachtliche Erfolge. In seiner Arbeit wurde er von Dr.Eduard Benesch unterstützt, der ihm 1915 in die Emigration folgte und bald sein wichtigster Mitarbeiter wurde.

Die Tätigkeit der tschechoslowakischen Auslandsaktionsgruppen, an deren Spitze diese beiden Männer standen, gipfelten in einer Reihe von Maßnahmen, die, in ihrem diplomatischen Gewicht unbestreitbar, in ihrer völkerrechtlichen Bedeutung aber umso schillernder waren.

Im Jahre 1916 gründeten Masaryk und Benesch im Ausland einen "Tschechoslowakischen Nationalrat" als vorläufige Regierung. Die Slowaken waren zur Stärkung des slawischen Elements im neuen Staat von Benesch umworben worden, und sie hatten sich aufgrund des Versprechens einer Autonomie bereiterklärt, sich dem tschechischen Staat anzuschließen.

Diese neue "tschechoslowakische" Nation wurde von den Alliierten im Sommer 1918 als "kriegsführend" anerkannt. Der provisorischen Regierung gehörten Masaryk als Präsident und Benesch als Außenminister an.

In der Heimat hatte die tschechische Bevölkerung mehr oder weniger willig von 1914 bis 1918 ihre Pflicht getan. Ein Großteil verurteile die separatistischen Aktivitäten der Exilpolitiker.

Am 28.Oktober 1918 wurde gleichzeitig in Prag und in Washington die "Tschechoslowakische Republik" proklamiert. Ihre Grenzen waren jedoch noch nicht festgelegt.

Als sich der Zerfall der Österreich-Ungarischen Monarchie abzeichnete, konstituierten sich in den von Deutschen bewohnten Gebieten Regionalregierungen für Deutschböhmen, Sudetenland und Südmähren, die eine Einverleibung ihrer Länder in den neuen tschechischen Nationalstaat ablehnten und ihren Anschluß an die neue Republik Deutsch-Österreich erklärten. Sie nahmen dabei das "Selbstbestimmungsrecht der Völker" für sich in Anspruch, das der amerikanische Präsident Woodrow Wilson gegen Kriegsende proklamiert hatte, mit dessen Hilfe der Vielvölkerstaat Österreich in zahlreiche Nationalstaaten zerfallen sollte.

Ab Mitte November 1918, also noch vor dem Beginn der Pariser Friedenskonferenzen, wurde die allein von Deutschen bewohnten Randgebiete Böhmens und Mährens systematisch von bewaffneten Tschechen mit Waffengewalt okkupiert, weil sie von Benesch für die künftige CSR hinsichtlich deren wirtschaftlicher und militärischer Stabilität für unentbehrlich gehalten wurden. Hierzu ist zu sagen, daß in diesem hochindustrialisierten deutschen Randgebieten Böhmens und Mährens zwei Drittel der Wirtschaftskraft der ehemaligen österreichischen Monarchie enthalten waren.

Dieser Reichtum war für den neuen Staat verlockend und wurde durch die Okkupation leicht erbeutet. Die neu gebildeten provisorischen Regionalregierungen von Deutschböhmen, Sudetenland und Südmähren wurden vertrieben. Auf diese Weise schuf Benesch "vollendete Tatsachen". So kam es zu einer Grenzziehung ohne Rücksicht auf nationale Verhältnisse und den Willen der dort lebenden Volksgruppen. Natürlich waren auch die Alliierten weder an einer Stärkung des Deutschtums in Österreich, noch in Deutschland interessiert.

Benesch setzte sich für den französischen Kurs einer Zurückdrängung des deutschen Einflusses in Mitteleuropa ein. Sein Geschichtsbild war tief antideutsch.

Als Masaryk am 22.Dezember 1918 in Prag einzog, gab er in einer ersten Grußbotschaft als Präsident die Parole aus: "Wir - die Tschechen - haben unseren Staat geschaffen. Dadurch wird die staatsrechtliche Stellung der Deutschen bestimmt, die ursprünglich als Immigranten und Kolonisten ins Land kamen." So waren die Deutschen Böhmens und Mährens von Anfang an als Bürger zweiter Klasse abgestempelt. In der Neujahrsbotschaft vom 1.Januar 1919 erklärte Masaryk darüber hinaus kategorisch, "daß über Autonomie nicht verhandelt werde."

Bei den Pariser Friedensverhandlungen (1919) operierte Benesch hinsichtlich der Einverleibung der deutschen Gebiete mit Täuschung und Lüge. Den erheblichen Bedenken der Amerikaner im Blick auf die große deutsche Minderheit begegnete Benesch mit seinem berüchtigten "Memoire III", in dem er die Zahl der Deutschen mit nur 1,6 statt 3,2 Millionen angab. In der von ihm präsentierten Landkarte von Böhmen waren die deutschen Gebiete kleiner eingetragen als es den Tatsachen entsprach; im übrigen fehlte auf dieser Karte Mähren und Sudetenschlesien mit den ausgedehnten deutschen Gebieten. Benesch erklärte, es würde keine rein deutsche Bezirke geben und die historischen Grenzen Böhmens seien für den neuen Staat aus strategischen Gründen erforderlich. Benesch zerstreute die amerikanischen Bedenken mit der Versicherung, die künftige Tschechoslowakei werde ein demokratischer, freiheitlicher Staat werden, die Deutschen würden die selben Rechte wie die Tschechoslowaken haben, die deutsche Sprache würde die zweite Landessprache sein, Unterdrückungsmaßnahmen würden nicht vorkommen, und für die Deutschen und Slowaken würde eine Regelung "ähnlich der Schweiz" geschaffen. Weder die Deutschen noch die Slowaken haben später im neuen Staat eine Autonomie erhalten. Es mutete wie Hohn an, daß die mit so viel Unwahrheit operierenden Staatsgründer in das neue Staatswappen den Wahlspruch "die Wahrheit siegt" aufgenommen hatten.

Einen ersten tragischen Tiefpunkt erreichten die deutsch-tschechischen Beziehungen am 4.März 1919 . Gemeinsam mit den deutschen Gewerkschaften und politischen Parteien hatte die deutsche Sozialdemokratische Partei zu friedlichen Kundgebungen in allen sudetendeutschen Städten aufgerufen, um die Weltöffentlichkeit auf die Verweigerung des Selbstbestimmungsrechts aufmerksam zu machen.

Tschechisches Militär schoß wahllos in die unbewaffnete Menge. In Kaaden, Sternberg, Karlsbad, Eger, Kaplitz und Mies waren 54 Todesopfer und über 100 Verwundete zu beklagen. Benesch unterstellte Österreich, diese Demonstrationen angestiftet zu haben und forderte von Frankreich scharfe alliierte Maßnahmen gegen Österreich.

In den Friedensverträgen von Versailles (28.6.1919) und St.Germain (10.9.1919) wurden die deutschen Gebiete Böhmens und Mährens endgültig der CSR zugeschlagen. So wurden die Sudetendeutschen tschechoslowakische Staatsbürger.

Wie schon zu Beginn erwähnt, war der neue Staat als Nationalstaat der Tschechen konzipiert, obgleich deren Anteil an der Bevölkerung weniger als die Hälfte betrug. An der nationalstaatlichen Verfassung durften weder Deutsche noch Slowaken mitwirken. Die Tschechen hatten allein die staatstragende Funktion ergriffen.

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