Das Reichsprotektorat Böhmen und Mähren und der 2.Weltkrieg (1939 - 1945):

Die Verhältnisse im Innern

Das Reichsprotektorat Böhmen und Mähren hatte einen tschechischen Staatspräsidenten (Dr.Hacha), eine tschechische Protektoratsregierung mit einem Ministerpräsidenten, mit neun Ministern und einer autonomen Verwaltung, Rechtsprechung und Kultur. Es hatte jedoch keine eigene Außenpolitik und keine Landesverteidigung. "Reichsprotektor" als Repräsentant des Führers und Reichskanzlers wurde Freiherr Konstantin von Neurath, der bisherige deutsche Außenminister. Seine Macht erstreckte sich über die tschechische Protektoratsregierung.

Dem Reichsprotektor unmittelbar nachgeordnet waren 26 "Oberlandräte", die sich der deutschen Bevölkerung des Protektorats zu widmen hatten. Deutsche mit bisher tschechoslowakischer Staatsangehörigkeit konnten sich um die deutsche Staatsangehörigkeit bewerben (optieren). Deutsch und Tschechisch waren gleichberechtigte Amtssprachen. Die Protektorats-Deutschen unterstanden der deutschen Gerichtsbarkeit.

Kein Tscheche mußte Kriegsdienst leisten. Anfangs gingen viele Tschechen freiwillig zur Arbeit ins "Altreich", ab Mai 1941 wurde die Arbeitspflicht für alle eingeführt. Viele waren in der Rüstungsindustrie dienstverpflichtet. Die Tschechen waren arbeits- und sozialrechtlich den Deutschen gleichgestellt. Wesentliche Teile der Wirtschaft fielen unter reichsdeutsche Kontrolle. Wirtschaftlich ging es dem tschechischen Volk nicht schlecht. Die Bauern konnten ohne Sorge vor billigen Übersee-Importen produzieren, denn der Absatz war gesichert. Die Arbeiterschaft war durch Vollbeschäftigung, gute Löhne und relativ hohe Lebensmittelzuteilungen kaum zum Widerstand bereit.

Als Repräsentanten des NS-Regimes in der Verwaltung traten den Tschechen überwiegend reichsdeutsche Beamte entgegen, nur vereinzelt auch Sudetendeutsche. Allerdings stand ein Sudetendeutscher in der Protektorats-Führung: Karl Hermann Frank. Anfangs Staatssekretär und SS-Brigadeführer, wurde er 1943 zum "Deutschen Staatsminister für Böhmen und Mähren" und zum SS-Obergruppenführer ernannt.

Auf den verständnisvoll agierenden Reichsprotektor Konstantin von Neurath folgte der SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich (27.9.1941 - 4.6.1942)

Der tschechische Wiederstand im Inland

Die Tschechen fühlten sich als Bürger minderen Rechts. Sie betrachteten den Widerstand gegen die Okkupanten nicht nur als legitim, sondern als nationale Pflicht. Besonders die Studenten und die Intelligenz sahen das so. Nach Studentendemonstrationen in Prag im November 1939 waren auf Anordnung Hitlers 9 Studenten als Rädelsführer hingerichtet worden, alle tschechischen Universitäten, Hochschulen und Lehrerseminare wurden geschlossen, tschechische Professoren und Journalisten ab 1941 deportiert.

Die Tschechen hatten im Untergrund ein umfangreiches Nachrichtennetz aufgebaut. Tausende von Tschechen wurden außer Landes geschleust, kleinere Sabotageakte wurden begangen. Staatspräsident Hacha und Ministerpräsident Elias waren bis 1941 laufend in direkter Verbindung mit Benesch´s Exilorganisation. Sie lieferten Informationen und erhielten von ihm Weisungen.

Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22.Juni 1941 nahmen nicht nur Demonstrationen zu, sondern auch Streiks und Sabotageakte, in der Hoffnung der Tschechen auf Unterstützung durch die Rote Armee.

Heydrich zerschlug den organisierten tschechischen Widerstand durch die Hinrichtung von Elias und des Prager Primators Klapka. Ferner wurden weitere 404 Todesurteile vollstreckt sowie 4000 bis 5000 Tschechen verhaftet und z.T. in Konzentrationslager eingewiesen. Diese kriegsbedingten drakonischen Maßnahmen wurden nicht von Sudetendeutschen sondern von den reichsdeutschen Besetzern getroffen und durchgeführt.

Attentat auf Heydrich und Vergeltung Lidice

Am 28.Dezember 1941 wurden zwei in England für ein Attentat ausgebildete tschechische Emigranten auf Weisung von Benesch bei Pilsen mit Fallschirmen abgesetzt. Sie hatten den Auftrag, Heydrich zu ermorden. Dadurch sollte der bis dahin zu flaue Widerstand der Tschechen gegen das Deutsche Reich aktiviert werden. Am 27.Mai 1942 verübten sie das Attentat in Prag, an dessen Folgen Heydrich am 4.Juni 1942 starb.

Die Reaktion der NS-Behörden war drastisch. Hitler wollte 10 000, Himmler 30 000 Tschechen standrechtlich erschießen lassen. Dies verhinderte der Sudetendeutsche Karl Hermann Frank. Dann kam der Hinweis, daß die Täter im Dorf Lidice versteckt gehalten würden. Obgleich sie dort nicht gefunden wurden, wurde das Dorf Lidice am 10.Juni 1992 zur Vergeltung und Abschreckung vernichtet: 173 Männer wurden erschossen, 198 Frauen kamen in das KZ Ravensbrück, 98 Kinder in SS-Familien. Das Dorf wurde dem Erdboden gleichgemacht. Weitere 1357 Tschechen wurden erschossen, 3200 Personen wurden verhaftet. Die beiden Attentäter, die durch Verrat in Prag aufgespürt wurden, nahmen sich am 18.Juni 1942 das Leben. Lidice wurde zum Symbol.

Nach Lidice war es relativ ruhig, bis in den April 1945. Bis dahin gab es trotz Näherrücken der alliierten Fronten kein offenes Aufflammen des tschechischen Widerstandes.

Nicht verschwiegen werden darf, daß in den fünf Jahren Protektoratszeit etwa 38 000 Tschechen von den Okkupanten erschossen worden sind. Die Tschechen geben höhere Zahlen an und sprechen darüber hinaus von 100 000 Invaliden, meist heimgekehrte KZ-Häftlinge.

Nach Hitlers Tod am 30.April 1945 organisierten die Tschechen am 5.Mai 1945 in Prag Aufstände mit wilden Barrikadenkämpfen und grausamen Ausschreitungen gegen Deutsche.

Politische Aktivitäten von Benesch im Ausland zur Wiederherstellung der CSR.

Als Benesch am 22. Oktober 1938 Prag verlassen hatte und nach London geflogen war, hatte er umfangreiche Unterlagen und Finanzmittel mitgenommen. Nach Hitlers Einmarsch in Prag am 15.März 1939 gründete er einen "Tschechoslowakischen Nationalrat" und proklamierte "... die sogenannte erste Republik lebt rechtlich weiter!" Im Juli bildete er eine "Provisorische Regierung". Sein Ziel war die Wiederherstellung der CSR.

Auch zahlreiche sudetendeutschen Sozialdemokraten, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, waren nach England emigriert. Ihr Führer Wenzel Jaksch hatte Verbindung zu Benesch aufgenommen und über die Wiederherstellung der Tschechoslowakei gesprochen. Bereits im August 1942 bezeichnete Benesch Jaksch gegenüber das Münchner Abkommen als nichtig. Als Jaksch im Januar 1942 von den bisher verdeckt gehaltenen Plänen einer Umsiedlung der Sudetendeutschen ins Reich erfuhr, löste er nach mehrfachem erfolglosem Widerspruch im Juni 1942 die Kontakte zu Benesch.

Bereits am 9.Juli 1941 erreichte Benesch die Anerkennung seiner Exil-Regierung durch die Sowjetunion und am 18.Juli 1941 durch Großbritannien; die anderen Staaten folgten später. Auch die Frage der Grenzen war zu klären. Die Sowjetunion und die USA gaben relativ bald zu verstehen, daß für sie das Münchner Abkommen nicht existiere und General de Gaulle erklärte es am 29.September 1942 für "null und nichtig".

Auch Großbritannien erklärte sich 1942 als frei von allen Bindungen, "da Deutschland bewußt Übereinkünfte, die im Jahr 1938 hinsichtlich der CSR getroffen worden waren, gebrochen hat."

Die Entwicklung des Vertreibungs-Konzepts

Die "Lidova Demokracie", das Blatt der katholischen Volkspartei, schrieb im März 1946, daß der Plan zur Ausweisung der Sudetendeutschen bereits im Herbst 1939 in Pariser tschechischen Exil-Kreisen gefaßt worden sei. Wenzel Jaksch bestätigte dies.

Im Frühsommer 1941 traten Benesch und sein Staatsminister Ripka in London erstmalig mit dem Begriff "Bevölkerungstransfer" an die Öffentlichkeit. Am 12.Mai 1943 erhielt Benesch von Roosevelt die Zustimmung zu seinen Austreibungsplänen, nachdem er ihn getäuscht und von einer angeblichen bereits gegebenen Zustimmung der UdSSR unterrichtet hatte. Diese Zustimmung gab Stalin jedoch erst am 6.Juni 1943. Im Dezember 1943 beschloß Benesch in Moskau die totale Enteignung der Sudetendeutschen und ihre Vertreibung aus der Heimat.

Benesch´s Ziel war es die Alliierten vor vollendete Tatsachen zu stellen, wenn die erste Nachkriegskonferenz stattfinden sollte. Eine Schreckensherrschaft in den deutschen Gebieten sollte einen möglichst großen Teil der Sudetendeutschen zum Verlassen ihrer Wohnsitze nötigen.

Deshalb wurde auch der formale tschechischslowakische Antrag auf Vertreibung der Deutschen erst nach Kriegsende (8.Mai 1945) und nach den zahlreichen grausamen Exzessen, wie z.B. in Prag, Aussig, Brünn, am 3.Juli 1945 an die Alliierten gestellt.

In der "Erklärung" der Konferenz von Potsdam, die am 2.August 1945 von Stalin, Truman und Attlee unterzeichnet wurde, wurde dem Antrag im Artikel XIII entsprochen: "Die drei Regierungen haben die Frage unter allen Gesichtspunkten beraten und erkennen, daß die Überführung der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind, nach Deutschland durchgeführt werden muß. Sie stimmen darin überein, daß jede derartige Überführung die stattfinden wird, in ordnungsgemäßer und humaner Weise erfolgen soll."

Der amerikanische Präsident Harry S.Truman äußerte sich später, am 15.Januar 1946, in einem Brief an Außenminister Byrnes: "In Potsdam wurden wir vor eine vollendete Tatsache gestellt und durch die Umstände gezwungen,...zuzustimmen.Es war ein willkürlicher Gewaltakt."

Im Potsdamer Protokoll wurde eine völkerrechtswidrige Legitimierung der endgültigen Vertreibung sowie der bereits stattgefundenen Pogrome und Massenvertreibungen fixiert.

Das von Benesch gegen die Sudetendeutschen entwickelte Transfer-Konzept wurde von den Alliierten übernommen und zur Vorlage für die Vertreibung von weiteren 10 Millionen Deutschen aus ganz Ostmitteleuropa gemacht.

Daß die Tschechisierungspolitik gegenüber den Sudetendeutschen und alternativ ihre Vertreibung von langer Hand vorbereitet war, belegt eine Rede, die Benesch am 3.Juni 1945 in Tabor hielt. Er sagte u.a.: "Alle Deutschen müssen verschwinden. Was wir im Jahre 1919 schon durchführen wollten, erledigen wir jetzt. Damals schon wollten wir alle Deutschen abschieben. Deutschland war aber nicht vernichtet; England hielt uns die Hände. Vertreibt sie, verjagt sie alle, kein deutscher Bauer darf auch nur einen Quadratmeter Boden unter seinen Füßen behalten, kein deutscher Gewerbetreibender und Geschäftsmann sein Geschäft weiterführen. Wir wollten dies alles auf eine feinere Art zur Durchführung bringen; aber da kam uns das Jahr 1938 dazwischen."

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